GEFRORENE LAGUNE UND KALTER WINTER IN VENEDIG

Jan 4, 2017 | Geschichte, Gesellschaft, Inseln, Klima, Kunst, Lagune, Tourismus, Traditionen | 0 Kommentare

Gefrorene Lagune und kalter Winter in Venedig

Wie kalt wird es eigentlich in Venedig im Winter? Das ist eine häufig gestellte Frage während einer Stadtführung.

Unser internationales Publikum denkt offensichtlich, daß bei uns die Sonne immer scheine; das wäre schön!

Meine Großmutter erzählte mir, daß als sie ein 8jähriges Kind also 1929 war, die Lagune komplett zugefroren war und daß viele Einheimische mit Tischen und Stühlen ausgiebig und lustig auf den zugefrorenen flachen Gewässern im kalten Venezia gegessen hätten!

Ich fand Postkarten von alten Photos, wo Venezianer zu Fuß die nördliche Lagune überquerten, um die Friedhofsinsel San Michele oder die Glasbläserinsel Murano zu erreichen. Ich habe diese Postkarten Jahre später gekauft, um sie mit Ruhe betrachten zu können.

Aber keine Spur von Tischen und Stühlen auf dem Eis – ein Bild dieser Tische und Stühle, das für mich als kleines Kind einen gewissen, magischen Reiz hatte, zu einer Zeit, wo ich gerne mit einem Puppenhaus spielte.

Postkarte 1 (Frontseite), Venedig, 1929

Postkarte 1 (Rückseite), Venedig 1929

Postkarte 2 (Frontseite), Venedig, 1929

Stempel 1929 mit der Nummer VII, 7. Jahr nach der Machtergreifung Mussolinis

Stempel 1929 mit der Nummer VII, 7. Jahr nach der Machtergreifung Mussolinis

Viele Jahre später stieß ich auf einen Artikel in der lokalen Zeitung Il Gazzettino. Die Journalistin schrieb, wie am Aschermittwoch am 13. Februar 1929 nach 2 kalten Tagen das Thermometer -13˚ (-7˚ in den wärmsten Stunden) zeigte, ein stürmischer Bora Wind wehte 50 Km pro Stunde und ein leichter Schneeregen fiel.

Es muß gesagt werden, daß alle Wetterberichte (auch Istrien war Teil Italiens) damals auf andere Daten eingingen, z.B. Infos zu den Wolken waren wichtig, der Luftdruck wurde noch nicht in Millibar gerechnet, aber der Schnee wurde nur in den Bergen, nicht in den Tälern und Flachland gemessen.

Im letzten Winter kam ich auf die Idee, die damaligen Artikeln in der lokalen Zeitung Il Gazzettino in der Staatsbibliothek Marciana zu überprüfen.

Zeitung 1929, Il Gazzettino, Marciana Bibliothek, Detail 1

Zeitung 1929, Il Gazzettino, Marciana Bibliothek, Detail 2

Es ging ruckzuck; ich bekam das erste Quartal der Zeitung 1929 auf einer Filmspule.

Der 11. Februar war ein Montag; damals erschien Il Gazzettino nicht. Das wußte ich nicht.

Die Lateranverträge und der kalte Februar 1929

Am 12.02. war die erste Seite nur der epochalen Unterschrift den Lateranverträgen gewidmet. Auf der ersten Seite ‚der Pakt zwischen Kirche und Stadt verewigt sich bei jubeldend Volksveranstaltungen‘ (il patto tra la Chiesa e lo Stato si eterna nei secoli tra deliranti manifestazioni popolari di giubilo) und zwar zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Königreich Italiens. Unten ein Photo von Viktor Emanuel II, Papst Pius XI, Benito Mussolini (er war Ministerpräsident) und Kardinal Gasparri.

Erst am 13. Februar fand man auf der ersten Seite einen kurzen Artikel über die ‘siberische Welle’; am 14. am Valentinstag ‘die zugefrorene Lagune’; der Journalist schrieb, wie Venezianer mit sehr viel Unvorsichtigkeit übers Eis liefen, ‘con quanta impudenza non è il caso di rivelare’, aber kein Photo und keine Erwähnung der Tische und Stühle. Ich war enttäuscht!

Aber man muss im Leben fest glauben…

Ich blätterte weiter, 15. Februar, 16. Februar (viele Venezianer waren ‘Schlittschuhgelaufen, gerannt, spaziergegangen und gerutscht‘) nichts, gar nichts … und dann die Nachricht:

am 17. Februar hatten 5 Arbeiter einer Firma mit Tisch, 5 Stühlen und 5 Gläsern guten Weines 60 Meter vom Ufer entfernt lustig gefeiert, auf dem Eis sich Prosit zugesprochen!

Gefrorene Lagune und kalter Winter in Venedig

Die Lagune soll in ca. 1000 Jahren nicht mehr als zweidutzend mal komplett zugefroren sein. Bilder dokumentieren vor allem die Eiskälte der letzten Zweihundertjahren…

Friedrich IV  König von Dänemark und Norwegen reiste 1708 nach Venedig; er soll die klirrende Kälte mitgebracht haben. Ein Bild in der Querini Stampalia Sammlung von einem unbekannten Maler zeigt eine frohe Atmosphäre für das ungewohnte eisige Ereignis.

Bild von einem unbekannten Maler, Querini Stampalia Sammlung

Bild, Querini Stampalia Sammlung, Detail 1

Bild, Querini Stampalia Sammlung, Detail 2

Ende 1788 fiel das Thermometer wieder dramatisch! Ein im Ca’ Rezzonico Museum ausgestelltes Gemälde von Francesco Battaglioli kommt uns zur Hilfe.

Gemälde von Francesco Battaglioli, 1788, Ca‘ Rezzonico Museum

Gemälde von Francesco Battaglioli, Detail 1

Gemälde von Francesco Battaglioli, Detail 2

Gemälde von Francesco Battaglioli, Detail 3

Ein verstecktes Pilaster erinnert an die Eiskälte von 1864. Während einer Führung im Stadtviertel Cannaregio zeige ich es Ihnen gerne.

“Eterna memoria dell’anno 1864 del giaccio veduto in Venezia, che se sta sulle fundamente Nove a San Cristoforo andava la gente in (pr)usision che formava un liston”.

Pilaster in Cannaregio

In Februar 2012 konnte ich zum ersten Mal in meinem Leben auf meinem Ruderboot in den Kanälen, die mit einer Eisschicht überzogen waren, rudern!

 

Fiona Giusto
www.venicetours.it
BestVeniceGuides