Die Partisanin Venetiens

Mai 1, 2017 | Geschichte, Kultur, Kunst | 0 Kommentare

In einem der letzten Säle des Museums für moderne Kunst in Venedig, das früher einmal die Residenz der mächtigen Familie Pesaro war, treffen wir auf die Partisanin Venetiens. Die leuchtenden Farben und die glatte Keramikoberfläche dieser Skulptur können einen nicht gleichgültig lassen.

Die Partisanin ist eine große neokubistische Skulptur. Besonders intensiv treffen einen die Augen dieser Frau, die wie geblendet wirken, der offene Mund, wie von einer Person, die durch den dichten Wald rennt, und ihre großen Militärstiefel. Wir umrunden sie einmal und sehen dabei das Gewehr auf ihrer Schulter: bereit zu kämpfen, mit ihrem roten Halstuch, das im Winde weht. Und dabei ist sie gleichzeitig so zerbrechlich wie nur Keramik sein kann.

Leoncillo, Partigiana Veneta, Museo d'Arte moderna a ca' Pesaro, Venezia

Leoncillo, Die Partisanin Venetiens, Museum für moderne Kunst Ca’ Pesaro, Venedig

Leoncillo, Partigiana Veneta, Museo d'Arte moderna a ca' Pesaro, Venezia

Leoncillo, Die Partisanin Venetiens, Museum für moderne Kunst Ca’ Pesaro, Venedig

Die Frauen im Widerstand in Venetien

So hatte sich Leoncillo ursprünglich seinen Tribut an die Frauen des Widerstands in Venetien vorgestellt. Die Partisanen waren ein irreguläres Heer, das die faschistische Diktatur von innen her mit Guerillaaktionen, Boykotts und heimlicher Informationsweitergabe bekämpfte. Die Partisanen wurden von der Bevölkerung unterstützt, aber auch von ihren eigenen Landsleuten verraten. Sie haben einen großen Beitrag zur Befreiung Italiens und zur Beendigung des zweiten Weltkriegs geleistet. Der Entschluss, der Rolle der Frauen in der Bewegung in Venetien zu gedenken, kam allerdings erst 1957 auf. Zu diesem Zeitpunkt erhielt Leoncillo den Auftrag für die Skulptur, die wir heute im Museum für Moderne Kunst Ca‘ Pesaro bewundern können. Es handelt sich um ein Werk, das im öffentlichen Park am Eingangsbereich der Biennale ausgestellt werden sollte.

Aber warum befindet sich das Denkmal dann jetzt im Museum?
Ich bin an einem sonnigen Wintertag in den Park gegangen. Zwischen den spielenden Kindern und dem Licht, das durch die Bäume des Parks dringt – ein seltenes Ereignis in einer Stadt, in der die Gärten verborgen sind – befindet sich der Sockel der Statue von Leoncillo, die von Carlo Scarpa konzipiert wurde und von einer Bombe beschädigt wurde, die von einer Gruppe Terroristen 1961 unter der Statue angebracht wurde und diese in die Luft sprengte. Zerstört aber wurde die zweite Statue von Leoncillo, die er erst nach dem Original mit dem roten Halstuch anfertigte und die aufgrund ihres Bezugs auf Sozialismus und Kommunismus abgelehnt worden war, da sie nach Meinung der Kommission nicht die verschiedenen politischen Ideen innerhalb der Partisanenbewegung widerspiegelte. Daher wurde im Park eine Statue mit einem braunen Halstuch aufgestellt, und die Version mit dem roten Halstuch landete im Museum Ca‘ Pesaro.

 

Die Bombe, ein Werk von  Augusto Murer und die Riva dei Sette Martiri

Terroristen faschistischer Ausrichtung legten die Bombe am 27. Juli 1961 unter die Keramikstatue, die eine für die Freiheit kämpfende Frau darstellte. Das Ereignis erschütterte die Stadt, es folgte eine Demonstration, und es wurde eine neue Statue bei Augusto Murer in Auftrag gegeben. Murer stellte sein Werk 1969 auf. Sie befindet sich am Ufer der Riva, nicht weit entfernt von dem Park, in dem sich die andere Keramikskulptur befand. An eben diesem Ufer wurden am 3. August 1944 sieben Widerstandskämpfer von den Nazis als Repressalie erschossen, um einen ertrunkenen deutschen Soldaten zu rächen. Später wurde dann festgestellt, dass dieser gar nicht umgebracht worden war.

Riva dei sette martiri, Venezia

Riva dei sette martiri, Venedig

Die Riva dei Sette Martiri ist ein Ort, der starke und widersprüchliche Gefühle auslöst. Ein grandioser Ausblick auf die Gewässer des Bacino di San Marco und auf die Insel San Giorgio Maggiore. Die Lagune und die vorbeifahrenden Boote. Und dann diese Erinnerung. Murer stellte sich seine Partisanin ganz anders vor als Leoncillo. Aus Bronze, als wäre sie eine Waffe, eine Kriegerin. Am Ufer liegend, die Hände gefesselt, die langen Haare bedecken das Gesicht, und Wellen, die den sterbenden Körper umfluten. Die Beine, so als ob sie gerade fallen würde.

 

Die Erinnerung ist umstritten und das kann auch nicht anders sein. Was können wir tun, um nicht zu vergessen? Und wie ändert sich das historische Gedächtnis?

Für mich ist dies eine Geschichte, die die Kunst auf gelungene Weise mit vielen Facetten erzählt, sowohl geistiger als auch emotionaler Art. Und schließlich erinnert uns gerade die Vielfältigkeit dieser drei Partisaninnen daran, dass es Mut und Zerbrechlichkeit waren, die diese Frauen, denen wir unsere heutige Demokratie verdanken, zu ihrem Tun bewogen haben.

 

Sollten Sie an einer Besichtigung des Museums für Moderne Kunst Ca‘ Pesaro mit Führung oder an einer Tour auf den Spuren des zweiten Weltkriegs in Venedig interessiert sein, kontaktieren Sie mich bitte.

 

 

Luisella Romeo
BestVeniceGuides
www.seevenice.it