Die Lutheraner in Venedig, fast wie ein Krimi

Aug 1, 2017 | Geschichte, Gesellschaft, Kultur, Kunst, Religion, unbekanntes Venedig | 0 Kommentare

„In Euch finde ich so große und reichliche Gaben, die Euch der Herr nach seiner Gnade gegeben hat, daß ich mich fast meiner selbst schäme.“ So schreibt Martin Luther 1543 an die Evangelischen in Venedig, Vicenza und Treviso und will sie ermutigen, trotz der einsetzenden Verfolgung durch die Inquisition „im Herrn zu bleiben“. Die Gemeinde Venedigs kann auf eine fast 500 jährige Geschichte zurückblicken. Schon 1524 trafen sich die ersten lutherischen Konventikel, die dann in den Untergrund gehen mussten. Fortan wurde „in höchster Stille“ – wie es in der damaligen Kirchenordnung hieß – heimlich Gottesdienst im deutschen Handelshaus (Fondaco dei Tedeschi) an der Rialtobrücke gefeiert. Erst 1813 wurde es den Evangelischen in Venedig erlaubt, einen eigenen Kirchraum zunächst anzumieten und dann zu erwerben. Seit 200 Jahren hat also die Gemeinde mit der umgestalteten Scuola dell´Angelo Custode (Bruderschaft zum Heiligen Schutzengel) ihre erste Kirche.

Philipp Geist, Lichtkunstprojekt, 500-jähriges Jubiläum, Evangelische Kirche, Venedig

Die Geschichte der Gemeinde zeigt, daß trotz mancher Bedrängnisse – wie die Ausweisung eines Pastors 1654 oder das Verbot, den Vordereingang der Kirche zu benutzen  – in Venedig ein besonderes Klima für die Ideen Martin Luthers herrschte. Und der Geist in der Lagunenstadt freier war als anderswo. Das zieht sich bis in die Gegenwart hinein.
Seit etwas mehr als 200 Jahren feiert die ev. lutherische Gemeinde Venedigs ihren Gottesdienst in der „Scuola dell’Angelo Custode“ (Scuola des Hl.Schutzengels), die von der gleichnamigen Bruderschaft dem berühmten Baumeister Andrea Tirali in Auftrag gegeben wurde, der auch zuständig war für einen der schönsten Glockentürme Venedigs auf dem Campo SS. Apostoli,

Der Glockenturm der Kirche SS. Apostoli, Campo SS. Apostoli, Venedig

Der Glockenturm der Kirche SS. Apostoli, Campo SS. Apostoli, Venedig, Detail

auf dem sich auch die Scuola befindet. Der Schutzengel über der Eingangstür der Scuola war das Logo der Bruderschaft.
Er wurde von dem deutschen Bildhauer Heinrich Meyring (italienisiert als Enrico Merengo bekannt) gearbeitet.

Der Schutzengel, Scuola dell’Angelo Custode, Ev.Luth.Gemeinde, Venedig

Bruderschaften sind Laienverbände, häufig Gilden oder Landsmannschaften mit geistlicher und karitativer Ausrichtung. Das Gebäude ist zweistöckig in klassischen Proportionen. Das Innere ist sehr schlicht und typisch für eine Scuola. Im großen Atrium, Versammlungsraum für profane Zwecke, findet man Grabplatten früherer Gemeindemitglieder, die in den vergangenen Jahrhunderten nicht in Venedig selbst, sondern auf einer Laguneninsel bestattet werden mussten. Diese Insel wurde in napoleonischen Zeiten zusammen mit der Insel San Michele die Friedhofsinsel für alle Einwohner. Die alten Grabsteine wurden somit in die Kirche geholt. Heute gibt es auf der Friedhofsinsel einen „reparto evangelico“ für nationale und internationale Nicht- Katholiken. Eine Begehung ist interessant (Ezra Pound hat hier seine Grabstätte).
Blickfang des Atriums ist die schön geschwungene parallele Doppeltreppe, die in die Sakristei und weiter in den oberliegenden Kirchenraum führt. Diese Treppe ist in den letzten Jahren für Venezianer und Nichtvenezianer ein wichtiger Anlaufpunkt geworden, um die „concerti sulle scale“ (Konzerte auf der Treppe), die an jedem ersten Sonntag des Monats stattfinden bei freiem Eintritt, besuchen zu können.

Atrium, Versammlungsraum, ev. Luth. Gemeinde. Venedig

Atrium, Versammlungsraum, ev. Luth. Gemeinde. Venedig. Detail

Auch Ausstellungen, wie z.B. von Ernst Barlach anlässlich der Biennale 2015, Adventbasare, Gemeindefrühstücke, Vorträge machen aus diesem Raum eine „offene Kirche“. So heißt auch das Motto der Gemeinde; denn jeden Samstagnachmittag von 16-19 Uhr lädt sie zur Besichtigung der Kirche ein. Der eigentliche Kirchenraum im oberen Teil der Scuola ist durch seine Helligkeit und harmonische Proportion geprägt. Der Blick fällt auf das zentrale Altarbild von Sebastiano Ricci, einem wichtigen Barockmaler. Das Gemälde des „Heiligen Schutzengels“ gehörte zum Bestand der Scuola und wurde 1730 von Ricci für das Gebäude geschaffen und später dann von einem Gemeindemitglied von der Bruderschaft erworben und zur Einweihung der Kirche 1813 der Gemeinde geschenkt.

Altarbild von Sebastiano Ricci, Der Heilige Schutzengel, Ev. Luth. Gemeinde, Venedig

Der segnende Christus wird dem großen venezianischen Maler Tizian (1490-1576) zugeschrieben. Das Werk stammt aus dem Fondaco dei Tedeschi (Handelsniederlassung der deutschen Kaufleute), dort hing es im Gemäldesaal. Die lebensgroße Figur des Erlösers hält in der linken Hand eine gläserne Kugel, Symbol der Allwissenheit und der Erde, die rechte Hand segnet.

Lucas Cranach: Martin Luther in späteren Lebensjahren stammt aus Cranachs Werkstatt und ähnelt dem in der Weimarer Stadtkirche. Das kleine Gemälde wird bei jedem Gottesdienst feierlich an seinen Platz zwischen Kanzel und Schutzengelgemälde von einem Gemeindemitglied aufgehängt. An den Wänden rechts und links Gemälde Venezianer Schulen des ausgehenden 16. und beginnenden 17. Jhs.

Frau Gudrun Romor (Kirchenvorstandsitz) mit dem Gemälde „Martin Luther“ von Lucas Cranach, Ev. Luth. Gemeinde, Venedig

Die Gemeinde ist klein, aber sehr aktiv und sorgt sich um ein gutes ökumenisches Miteinander, gehört zum Rate der christlichen Kirchen Venedigs sowie der Friedensstifung Venezia per la Ricerca sulla Pace. Seit über 30 Jahren ist sie besonders im christlich-jüdischen Dialog tätig. Die Gemeinde betreut außerdem die Kurseelsorge in Abano Terme. Sie gehört der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien an (ELKI), die sich 1949 durch den Zusammenschluß der ehemaligen deutschen Auslandsgemeinden gründete und ist weltweit eine der kleinsten, doch verbunden mit Freundinnen und Freunden aus aller Welt. Viele haben in dieser wunderschönen Kirche, die in einer weltberühmten Stadt zu Hause ist, geheiratet, ihre Kinder taufen lassen, Silber- oder Goldenhochzeit gefeiert. Freud und Leid (Beerdigungen) hat dieses von der Gemeinde so geliebte Gebäude im Laufe der zwei Jahrhunderte gesehen, begleitet durch die Töne einer „kaiserlichen“, Sauer Orgel (Geschenk Kaiser Wilhelm II).

Die Gemeinde gedenkt ihres edlen Spenders, des Kaufmanns aus dem Fondaco Sebastian von Heinzelmann, der das Gebäude von der ehemaligen katholischen Bruderschaft dell’Angelo Custode erworben hat, um es der lutherischen Gemeinde Venedigs zu schenken (Gedenktafel rechte Kirchenwand).

Gedenktafel, Sebastian von Heinzelmann, Ev.Luth. Gemeinde, Venedig

Luigina Romor
BestVeniceGuides
luvenice@gmail.com