„Oh caro sto sol! Co’ lo godo! Sia benedetta st’altana!“ (Oh, wie lieb mir diese Sonne ist! Wie sehr ich sie genieße! Gesegnet sei diese altana), so ruft Bettina in der Komödie La putta onorata,(Das ehrsame Mädchen), des bedeutenden Dramatikers Carlo Goldoni aus. Das Profil der Lagunenstadt zeichnet sich durch eine Unendlichkeit an altane aus, einem Element unserer lokalen Bauweise, die zwar als „mindere Architektur“ gilt, die aber absolut präsent und abwechslungsreich ist.  Der immer etwas eingeengte Raum an der Grenze der Klaustrophobie hat seit jeher die Phantasie und den Witz der Venezianer angeregt, die am Ende eine einzigartige Vielfalt an Anbauten, kuriosen Außenkonstruktionen, darunter die berühmten altane, geschaffen haben. Die altane sind eine Art Dachterrasse, die, jedes Mal, wenn wir unsere Augen erheben, um den Himmel Venedigs zu bewundern, über den Dächern der Häuser zu sehen ist. Auf der Dachterrasse können Sie Ihre Wäsche trocknen lassen, die frische Luft genießen oder einfach einen der schönsten Ausblicke der Welt bewundern.

venezianische Dachterrasse, „altana“ genannt, Fondamenta Rio Marin o Garzotti, Venedig

venezianische Dachterrasse, „altana“ genannt, Fondamenta Rio Marin o Garzotti, Venedig

Die Dachterrasse meiner Freundin Martina!

Mit meiner Freundin Martina teile ich die Leidenschaft für das Theater und die Workshops des venezianischen Regisseurs Mattia Berto (siehe auch meinen Post „Interview mit Mattia Berto…“) und das Zusammensein mit denen, die eine authentische und tiefe Liebe zur Stadt Venedig hegen. Die Quintessenz von Martinas Geselligkeit und venezianischem Charakter liegt für mich in ihrer herrlichen Dachterrasse.

die „altana“ von Martina, Venedig

Aussicht aus der „altana“ von Martina

Ein einzigartiger Ort, an dem Martina für gewöhnlich Freunde zu einem besonderen Aperitif einlädt. Auf der Dachterrasse genießt Martina aber auch das Abendessen und die Lektüre eines guten Buches.  „Wenn es heiß wird, stehe ich nachts auf, um den Mond zu betrachten… auch im Winter…“, erzählt sie mir. Vom Frühjahr bis Ende Oktober wird das Frühstück auf der Dachterrasse serviert. Vor einigen Jahren zu Weihnachten erfreute sich Martina an einem Mittagessen in der Wärme der Wintersonne.

die schneebedeckte „altana“ von Martina

Martina und ich auf der „altana“

Sicherlich ist meine Freundin eine Person, die die altana in all ihren Aspekten lebt. In ihrem Haus, das auf das Ende des 17. Jahrhunderts zurückgeht, stellt diese besondere Ecke, die auf dem Dach ruht, den Ort dar, an dem man „im Freien und im Licht der Sonne verweilen kann“. Martina hatte schon immer eine Leidenschaft für altane, weshalb sie alle notwendigen Schritte unternommen hat, um eine zu erhalten. Ebenso wichtig ist die Pflege: kratzen, polieren, 3 – 4 Schichten Imprägniermittel auftragen, da Witterungseinflüsse wie Wind und Regen zu Schäden führen. Hier sind einige Verse aus einem zärtlichen Gedicht, das die Mutter meiner Freundin der typisch venezianischen altana gewidmet hat: „Vom Abend bis zum Morgen ist mir eine altana auf dem Dach Martinas erschienen, vom Wind herbeigetragen oder vom Himmel geregnet, wunderbares Ereignis…“.

Etymologie des Wortes altana

Der Begriff altana scheint vom Lateinischen „altus“ (hoch) abzustammen. Dem Wörterbuch des venezianischen Dialekts von Giuseppe Boerio zufolge wird altana als „eine offene Loggia von Tischen“ definiert, „die von Brüstungen geschützt ist und über einem Haus für den häuslichen Gebrauch steht.“

„altana“, venezianische Dachterrasse, Campo San Stin, Venedig

Einige historische Notizen

Der Begriff altana, oder genauer „atana“, erschien erstmals im Jahr 1224. In seiner „Vita dei Veneziani nel ‚300“, Leben der Venezianer im 14. Jahrhundert, spricht Bartolomeo Cecchetti, der damals Direktor des Staatsarchivs von Venedig war, von altane, die „vor den Häusern“ gebaut wurden und „dem Liagò ähnelten“.

Liagò von Casino Venier, Venedig

Sicherlich waren venezianische Häuser schon im zwölften Jahrhundert durch äußere Vorsprünge gekennzeichnet, die Balkone oder Terrassen auf dem Dach oder Loggien unterschiedlicher Größe sein konnten. Doch erst nach dem 15. Jahrhundert wurden die altane auch auf den Dächern der venezianischen Häuser errichtet. Zur Zeit der Republik war es die Magistratur der Giudici del Piovego, welche die Lizenzen für den Bau und die Restaurierung der altane erteilte. Die ältesten, die auf das 12. – 14. Jahrhundert zurückgehen, bestanden fast immer aus Holz oder manchmal, aber seltener aus Stein, und erst später aus Eisen. Beim Lesen des immer sehr interessanten Buches von Giorgiana Bacchin und Elisabetta Pasqualin Le altane di Venezia entdecken wir, dass die altane heute wie einst auf einem Holzbrett und auf einer Reihe von Stein- oder Ziegelsäulen ruhen. Wegen ihrer Leichtigkeit und Salzbeständigkeit ist die verwendete Holzart seit jeher Lärche.

„altana“, venezianische Dachterrasse, fondamenta dei furlani, Venedig

„altane“, fondamenta Condulmer, Venedig

„altana“, Piscina San Samuele, Venedig

Von bedeutenden Malern wie Canaletto, Vittore Carpaccio und Gentile Bellini, aber auch Giovanni Mansueti, Luca Carlevarijs und Michele Marieschi verewigt, waren die venezianischen altane privilegierte Orte, von denen aus man den vielen Veranstaltungen des öffentlichen Lebens Venedigs beiwohnen und Feste auf den Feldern bewundern konnte, und die noch heute strategische Beobachtungspunkte der Stadt darstellen, um beispielsweise in einer Oase des Friedens die Feuer des berühmten Festes des Erlösers zu genießen. Die altane dienten auch zur Verteidigung der Stadt, da sie der Sichtung von Schiffen dienten; sie haben Venedig aber auch erlaubt, sich gegen feindliche Luftangriffe während des Krieges von ’15 – ’18 zu verteidigen.

Vittore Carpaccio, Wunder der Kreuzreliquie an der Rialtobrücke, Detail, Accademia Galerien, Venedig

Giovanni Mansueti, Wunder der Kreuzreliquie am Campo San Lio, Detail, Accademia Galerien, Venedig

Gentile Bellini, Prozession auf dem Markusplatz, Detail , Accademia Galerien, Venedig

Die „Blonde“ und die altana

Während der Renaissance war die Verwendung der altana sehr stark mit der „Blonden“ verbunden, das heißt dem Färbemittel, also dem Farbstoff, der auch als „Wasser der Jugend“ bekannt war, das die venezianischen Frauen benutzten, um ihre Haare blond bis rotblond zu färben. Die Rezepturen waren abwechslungsreich und sehr aufwendig. In diesem Zusammenhang empfehle ich auch, den Beitrag meiner Kollegin Cristina Taddeo So ist es nun mal, die venezianische Frauen waren eitel zu lesen. In den Sonnenstunden kletterte die Venezianerin deshalb auf die Dachterrasse und verbrachte dort Stunden, um das so sehr begehrte Ergebnis zu erzielen.

Kurtisane auf der venezianische Dachterrasse, die „Blonde“und die „altana“, Codice Bottacin, Detail, Museum Bottacin, Padua

Wo kann man in Venedig die altane bewundern?

Ein bisschen überall… im urbanen Netz Venedigs sind die Dächer stark vertreten. Wir werden sie gemeinsam erkunden!

Barbara Tasca
BestVeniceGuides.it
www.thinkvenice.com