Venedig und die Goldküste. Die Reise der Perlen.

Sep 1, 2018 | Geschichte, Gesellschaft, Glas, Glasmuseum, Handwerk, Inseln, Kultur, Kunst, Kuriositäten, Lagune, Murano, Tourismus, Traditionen, unbekanntes Venedig | 0 Kommentare

venezianische Glasperlen

Während ich den Text für den Blog für BestVeniceGuides über Rosetta-Perlen, die Königin der venezianischen Perlen, vorbereite, zieht der Name „Goldküste“ meine besondere Aufmerksamkeit auf sich. Meine Neugier wird durch diese Bezeichnung geweckt, darum beschließe ich, in den zahlreichen und wunderschönen Büchern mehr über dieses Gebiet mit dem faszinierenden Namen und seine Beziehung mit Venedig herauszufinden.

Die Goldküste war ein kleines Gebiet in Westafrika, das dem heutigen Ghana (seit 1957 offizieller Name) entspricht und sich vom Kap der drei Spitzen bis nach Accra erstreckt. Ein Gebiet, das zuerst von portugiesischen, dann holländischen und schließlich britischen Siedlern besetzt war, die an den reichen Goldvorkommen interessiert waren.

Die Venezianer unterhielten nie direkte Handelsbeziehungen mit Ghana. Allerdings hatte die Gesellschaft J. F. Sick & Co., ein deutsches Unternehmen, das später nach Holland verlegt wurde, eine wichtige Zweigstelle in Venedig: So begann ab Mitte des 19. Jahrhunderts der größte Export von venezianischen Glasperlen nach Westafrika, der ein ganzes Jahrhundert andauern wird.

Dieses Unternehmen wurde wahrscheinlich Ende 1909 in Hamburg gegründet und hatte zwei Filialen, eine in Venedig und eine in Gablonz (dem heutigen Jablonec in Tschechien). Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Hauptsitz nach Rotterdam und 1927 nach Amsterdam verlegt. Der Sitz in Venedig in Cannaregio war mit dem Ankauf und dem Export von Perlen nach Ghana beauftragt, wo sich der Hauptsitz für Afrika, Nigeria und Kamerun befand. Die J. F. Sick & Co. produzierte nicht selbst, sondern beauftragte verschiedene Werkstätten und selbständige Perlenarbeiterinnen (die sogenannten Perlere), die sie mit Glas (Stäben) für die Verarbeitung belieferten.

Schon im Jahr 1824 gab es allein in Venedig ca. 40 Werkstätten und ca. 150 Arbeiterinnen und Arbeiter, die Perlen fertigten. Die fertigen Perlen wurden in den Lagern aufgefädelt, verpackt und dann versandt. Bei ihrem Eintreffen in Afrika wurden sie normalerweise erneut auf lokalen Materialen wie Bast aufgefädelt.

Etikett auf der Verpackung von Perlenbündel

J. F. Sick & Co. kontrollierte 95 % des westafrikanischen Perlenhandels. Jeder Sitz verfügte über einen Bestellkatalog, der aus Musterkarten mit allen hergestellten Perlen bestand. Diese Musterkarten sind noch heute zum Teil im Glasmuseum von Murano zu sehen.

Musterkarte Ghana-Perlen Augusto PaniniMuseum von Murano

Die Vielfalt der hergestellten Perlenmodelle scheint unendlich und die Ausführung war für Ghana vorwiegend satiniert und glänzend für Nigeria. Es handelt sich ausschließlich um Glasperlen „a lume“ (dt. am Brenner gewickelt), die oft mit Murrini oder Mustern an der Oberfläche dekoriert sind und eine einzigartige Schönheit besitzen. Ihre Faszination liegt aber auch in ihrer langen Reise und der wechselvollen Geschichte.

Ich finde Perlen, die „eine Reise hinter sich haben“, am schönsten, da sie Spuren ihrer Verwendung aufweisen, die mich zum Träumen bringen. Diese Spuren erzählen Geschichten von Menschen, Wüsten und Winden Afrikas, das Venedig fern und zugleich so nah ist.

 

Alessia Ferrari Bravo
BestVeniceGuides
www.guidaturisticavenezia.it

 

Bibliografie:

„The Bead goes on – Koos van Brakel“ Tropenmuseum

Staatsarchiv Venedig

Gianni Moretti- „Ercole Moretti“