Die Zeichen der Erinnerung: Die Shoah in Venedig

Jan 22, 2019 | berühmte Gestalten, Bildhauerkunst, Geschichte, Kultur | 0 Kommentare

Heutzutage bevorzugt die italienische jüdische Gemeinde den Begriff Shoah statt Holocaust als Bezeichnung für die tragischen Ereignisse während der nationalsozialistischen und faschistischen Gewaltherrschaften und des zweiten Weltkriegs. „Holocaust“ wurde in den 60er Jahren zum geeigneten Begriff für die Judenvernichtung. Der Begriff stammt vom griechischen „holokauston“, die Übersetzung des jüdischen Worts „olah“, das „dem Herrn vollständig aufgeopfert“ bedeutet. „Shoah“ verweist auf eine „Katastrophe“ und passt deshalb besser. Kein Altar, keine Aufopferung für einen Gott.

1938 wurden in Italien die Rassengesetze verabschiedet. Infolge der Unterzeichnung des Waffenstillstands durch Pietro Badoglio im September 1943 entstand aber eine Situation, die zur Deportation der italienischen Juden in die Konzentrationslager führte.

Aus Italien wurden circa 8.000 Juden ermordet.  Die Erinnerung an das Geschehene wird in einigen Städten mit Kunstwerken und Denkmälern bewahrt, während in anderen Städten noch über den Ort und die Art und Weise des Gedenkens diskutiert wird. Wenn schon allein darüber diskutiert wird, wie man am besten das Geschehene bezeichnen soll, dann kann man sich gut vorstellen, wie schwierig es ist, über die geeigneten Initiativen zur Erinnerung an die Tragödie zu entscheiden.

Das ist ein wichtiger Teil meiner Führung durch das jüdische Venedig, wobei es mir und den Besuchern zuweilen schwer fällt, uns auf die Ereignisse vor 1938 zu konzentrieren. So als ob die Shoah der Schlüssel zum Verständnis der jüdischen Geschichte Venedigs wäre, einer Stadt, in der das Wort „Ghetto“ zum ersten Mal aufkam. So kann es vorkommen, dass man immer wieder von der jüngsten Geschichte einen Sprung zum XIV. oder zum XVI. Jahrhundert macht: Eine absolut faszinierende Herausforderung, die zum Verständnis von Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen historischen Phasen verhilft.

Im Campo del Ghetto Nuovo und im Campiello delle Scuole im Ghetto Vecchio finden wir die Denkmäler zur Erinnerung an die Shoah. Im Campiello liest man in einer Inschrift an der Wand der Sinagoga Ponentina die Zahl der Opfer, die in den Konzentrationslagern ermordet wurden: Sechs Millionen in Europa, achttausend aus Italien und zweihundert aus Venedig. Um genau zu sein, aus Venedig kamen 246 Opfer, aber anscheinend wurde der Einfachheit halber eine runde Zahl bevorzugt, obwohl…

The Spanish synagogue in the Jewish ghetto in Venice and the memorial of the Shoah

Die Sinagoga Ponentina im jüdischen Ghetto in Venedig und das Shoah-Denkmal

Beim Betreten der ältesten jüdischen Siedlung, des Campo del Ghetto Nuovo, fällt uns eine hohe Ziegelmauer mit Stacheldraht auf. Darunter gibt es 7 bronzene Basreliefs von Arbit Blatas und zwei Inschriften mit den Worten des Bürgermeisters von Venedig und des französischen Generals. In Venedig gab es zwei Razzien: Am 5. Dezember 1943 und am 17. August 1944.

The wall in Campo Ghetto Nuovo, Venice

Die Mauer im Campo Ghetto Nuovo, Venedig

Der Stacheldraht gehört nicht zum Kunstwerk von Arbit Blatas. Vermutlich wurde er während der Deportationszeit, nach 1943, angebracht. Er schafft unzweifelhaft eine dramatische Atmosphäre (und auch etwas Verwirrung, da das venezianische Ghetto nicht als Konzentrationslager angedacht war).

Arbit Blatas wurde in Litauen geboren, im Jerusalem des Nordens, einem Land, das mehr als 100.000 Juden verloren hat. Das Projekt, an dem Blatas in den 70er Jahren gearbeitet hat, führte zu einem ersten Ergebnis im venezianischen Ghetto, das am 25. April 1980 – dem Jahrestag der Befreiung – eröffnet wurde. Seine Zeichnungen erschienen 1978 in der Fernsehserie „Holocaust“ mit einer sehr jungen Meryl Streep. Diese Zeichnungen bildeten die Grundlage für vier öffentliche Denkmäler, jeweils mit sieben sehr beeindruckenden Basreliefs, die als „Das Holocaust-Mahnmal“ bekannt sind und in Dauerausstellungen in vier Ländern gezeigt werden: Italien, Frankreich, USA und Litauen.

Arbit Blatas, The Monument of the Holocaust, 1979, Venice, one of the bas-reliefs

Arbit Blatas, Das Holocaust-Mahnmal, 1979, Venedig, Detail eines der Basreliefs

1989 schenkte Arbit Blatas Venedig ein weiteres Denkmal, „Der letzte Zug“, eingelassen in der Wand des 1890 erbauten Altenheims der jüdischen Gemeinde. Ebenfalls aus Bronze und mit einer besonderen Metallverarbeitungstechnik wie bei Holz. Blatas hat die Gesichter und die Details der Szene bewusst nur skizziert. Große Holzbalken sind im hinteren Bereich waagerecht angebracht, hinter einem Gitter, so dass man den Eindruck hat, einen Güterzug anzuschauen, jenen Zug, der die venezianischen Juden in den Tod brachte. In das Holz eingemeißelt sind  einer nach dem anderen die Vor- und Nachnamen und das Alter aller Opfer. Blatas zwingt uns, den Blick vom allgemeinen Verständnis der Shoah zu den einzelnen Menschen zu lenken, die ihr zum Opfer fielen. Und ich denke, dass es sehr bedeutsam ist, dass jene Namen in das Holz eingraviert sind, ein Material, das anders als Bronze nicht ewig hält  und somit die Zerbrechlichkeit der Erinnerung wiederspiegelt.

Arbit Blatas, The last Train, 1989, Venice, detail

Arbit Blatas, Der letzte Zug, 1989, Venedig, Detailansicht

Blatas starb 1999. 1995 wurde in Köln ein weiteres internationales Projekt auf den Weg gebracht: Die „Stolpersteine“ von Gunther Demnig. Diese mit einer Messingplatte versehenen „Steine“ erinnern an die Opfer der Shoah (nicht nur an die Juden) und sind in ganz Europa zu sehen. Derzeit gibt es ca. 65.000. Die Idee des Künstlers war es, einen Würfel mit einer Seitenlänge von 10 cm am Rande einer Straße, vor der Haustür oder am Eingang des Krankenhauses zu verlegen, wo jemand verhaftet wurde, um deportiert und ermordet zu werden. 2018 wurden einige Stolpersteine vor den Universitäten in Padua und Venedig zur Erinnerung an die jüdischen Studenten und Professoren eingelassen, denen nach Verabschiedung der Rassengesetze das Studium oder die Lehre verboten wurde. Auf den Stolpersteinen sind der Name des Opfers, das Geburtsdatum, der Tag der Deportation und, falls bekannt, der Todestag zu lesen. Bei mehreren Menschen wird auf dem Stolperstein auf die Zahl der Opfer und das Datum der Deportation hingewiesen.

The Stolperstein in the civil hospital Santi Giovanni e Paolo in Venice remembering the 15 victims that were arrested in the hospital to be deported

Der Stolperstein innerhalb des Krankenhauses San Giovanni e Paolo in Venedig zur Erinnerung an die 15 Patienten, die dort verhaftet und anschließend deportiert wurden

Das Verb „stolpern“ verweist auf die Gefahr hinzufallen, auf ein Innehalten; über diese Steine stolpert man aber nicht im eigentlichen Sinne des Wortes, denn sie sind ebenmäßig in den Bürgersteig eingelassen. Ihre Augen werden jedoch „stolpern“. Insbesondere die jungen Besucher, die ich in diesen Jahren begleiten durfte, sind tief bewegt und fotografieren sofort die Stolpersteine. In ein Privathaus, in ein Krankenhaus, in eine Schule, wo die Opfer lebten, arbeiteten oder lernten und sich in Sicherheit fühlten, kam etwas, das den normalen Lauf ihres Lebens unterbrach.

The Stolperstein for Olga Blumenthal, professor at the University of Ca’ Foscari in Venice

Der Stolperstein für Olga Blumenthal, Professorin an der Universität Ca‘ Foscari in Venedig

Demnig reist jedes Jahr nach Venedig, um seine Stolpersteine zu verlegen. Während der Veranstaltung wird an ein Geschehen erinnert und darüber erzählt. Ein narrativer Moment, der jedoch nicht vergeht, nachdem der Stolperstein – anscheinend schweigsam – eingelassen wird.

Das Projekt der Stolpersteine in Venedig kann in der Online-Datenbank des IVESER (Venezianisches Institut zur Geschichte des Widerstands) eingesehen werden, die ständig aktualisiert wird. Dort ist ihre Lage zu sehen: Eine außerordentliche Botschaft, die uns weg vom Ghetto bringt und uns durch die ganze Stadt führt. An die Shoah wird also nicht nur im Ghetto erinnert. Das Projekt der Stolpersteine erzählt zugleich einem Menschen, von einem Opfer, das Bürgerin oder Bürger Venedigs war, deren/dessen Namen ausgelöscht wurde und der nicht vergessen werden darf.

Sie werden uns sogar unseren Namen wegnehmen: Und wenn wir ihn behalten wollen, müssen wir dazu die Kraft in uns finden (Primo Levi)

 

Luisella Romeo
Best Venice Guides
www.seevenice.it

 

 

 

 

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