Die „Compagnie della Calza“
Die Stadt Venedig mit ihrem Karneval und ihrem intensiven Theaterleben bewahrt noch heute unverändert ihre Berufung für Feste und Schauspiele. Und die Wurzeln dieser Berufung verlieren sich in weit zurückliegenden Zeiten … Ein Beispiel sind die so genannten Compagnie della Calza, die calza– Gilden bzw. Strumpfhosen-Gesellschaften: Brigaden von Jugendlichen, insbesondere adeliger Venezianer, deren Zweck darin bestand, wie Giuseppe Tassini berichtet, „das heitere Gemüt der Stadt aufrechtzuerhalten“! Auf welche Weise? Indem sie Feste und Schauspiele organisierten. Ihr Name rührt von der Tatsache her, dass sie sehr eng anliegende Hosen trugen (in der Vergangenheit auch als Strumpfhosen bezeichnet), die sich durch ein buntes Bein und das Wappen der „Compagnia“ auf dem Strumpf selbst oder auf der Kapuze auszeichneten. Die Gefährten schmückten sich mit einem Mantel aus Gold, Samt oder Seide, dessen „Ärmel mit sehr dicken Seiden- oder Goldfäden mit massiven Goldspitzen geschnürt waren …“, so Cesare Vecellio, in Habiti …, Venedig 1598. Auf ihren Köpfen trugen sie eine Kappe aus kostbarem, rotem oder schwarzem Stoff, die an der Spitze mit einem Juwel verziert war.

Compagno della Calza, Cesare Vecellio- Habiti… 1598, Venezia

Die Compagnie della Calza im Überblick
Laut einigen Gelehrten erschienen diese Gesellschaften im Jahr 1400 zum ersten Mal im venezianischen Leben zu Ehren des Dogen Michele Steno. Anderen zufolge geht dieses Ereignis auf das Jahr 1401 zurück, anlässlich des Besuchs des Königs Robert mit seiner Frau Elisabeth. Die ersten sicheren Nachrichten über die Teilnahme einer „Compagnia della Calza“ an einer Feierlichkeit stehen im Zusammenhang mit der Hochzeit von Lucrezia Contarini und Jacopo Foscari im Jahr 1441, die von den beiden Familien über mehrere Tage hinweg in der Stadt groß gefeiert wurde. Bei der ersten Gesellschaft handelte es sich vermutlich um die Pavoni, auf die andere merkwürdige Namen folgten: die Modesti, die Concordi, die Floridi usw. Im Jahr 1542 wurde der Geschichte dieser Gilden mit der von der „Compagnia dei Sempiterni“ veranstalteten Aufführung der „Talanta“ von Pietro Aretino in einem temporären Theater, das von dem berühmten Künstler Giorgio Vasari erbaut wurde, ein Ende gesetzt. Die Compagnia degli Accesi versuchte 1561/62 eine Wiedereinführung, die allerdings keinen großen Erfolg verzeichnete.

Das Theater der Compagnia degli Accesi, Museo Correr, Cod. Gradenigo-Dolfin, Fonte Lionello Venturi

Girolamo Foscari, Prior der Compagnia degli Accesi, Museo Correr, Cod. Gradenigo-Dolfin, Fonte Lionello Venturi

Ein Gefährte der Compagnia degli Accesi, Museo Correr, Cod. Gradenigo-Dolfin, Fonte Lionello Venturi

Es wird vermutet, dass in fast einem Jahrhundert zwischen 30 und 40 Gesellschaften die Stadt Venedig mit ihren Schauspielen belebten: 34 nach dem gewissenhaften Berichterstatter jener Zeit, Marin Sanudo, angeblich 43 nach Meinung von Francesco Sansovino; bisweilen waren zwei oder drei Gesellschaften gleichzeitig anwesend und rangen um die ersehnte Anerkennung. Die Gefährten organisierten die Feste und übernahmen die Kosten. Sie waren die Hauptdarsteller ihrer Aufführungen, doch engagierten sie nicht selten halbprofessionelle Schauspieler wie den bekannten Ruzante. Sanudo erzählt in seinen berühmten „Tagebüchern“, dass ihre Feierlichkeiten „aus Tänzen, Banketten, Kostümfesten, Theateraufführungen, Regatten, pompösen Kavalkaden …“ bestanden, doch sie vergnügten sich und unterhielten ihr Publikum mit Stierläufen oder sie warfen Eier, gefüllt mit nach Moschus oder Rose duftendem Wasser, zu den Fenstern der anmutigsten Zuschauerinnen. Und ihre Theaterspiele? Nun, diese reichten von der Eklogendichtung über die Posse bis hin zur Momaria bzw. Pantomime und weit darüber hinaus. Ihre Feste gestalteten sich auf zweifache Weise: Ein öffentlicher Moment, an dem jedermann teilnehmen konnte und der in der Regel auf einem Campo auf den so genannten Soleri (eine Art von primitiver Bühne) stattfand, oder Umzüge, die die Stadt belebten und auf dem Markusplatz oder im Hof des Dogenpalastes ihren Höhenpunkt fanden. Doch gab es auch eine private Zusammenkunft, die ausschließlich erwählten Gästen vorbehalten war. Exklusive Feste und Aufführungen fanden ihr passendes Umfeld in den Palästen der verschiedenen Mitglieder der Gesellschaft. Es sollte zudem erwähnt werden, dass für die Bildung einer „Compagnia della Calza“ die Genehmigung des Consiglio dei X bzw. Rates der X erforderlich war, bei dem es sich um ein Sonderministerium der Republik Venedig handelte, das für geheime Angelegenheiten und die Sicherheit des Staates zuständig war.

Ein „Compagno della Calza“, Museo Correr Cod. Gradenigo-Dolfin, Fonte Lionello Venturi

Welche Anlässe gaben Ansporn zu diesen Festen?
Sie fanden zu Karneval statt, der aufgrund seiner spielerischen und transgressiven Natur seit jeher einen zentralen Bestandteil der Aktivitäten dieser Gesellschaften darstellte, doch auch die Hochzeit eines Gefährten, der Besuch eines berühmten Gastes oder die Aufnahme eines Fürsten in die Gesellschaft boten einen beliebten Anstoß zu diesen Festen.

Die Momarie

Der Begriff Momaria stammt vermutlich von Momo, dem Gott der Satire und Possenhaftigkeit, oder von einem griechischen Wort für „Larve“ oder von einem anderen Begriff, der „Nachahmung“ bedeutet. Sie waren eine Art Theaterdarstellung von profanem Charakter, aufgeführt von maskierten Schauspielern, die sich im Rhythmus der Musik bewegten und oft kostspielige Kostüme trugen.

Ein Blick auf die Malerei

Die „Compagnie della Calza“ erschienen in den Gemälden vieler venezianischer Maler des 16. Jahrhunderts. In denen von Gentile Bellini, Cima da Conegliano und insbesondere von Vittore Carpaccio, in seinen berühmten Leinwandgemälden mit den Szenen aus dem Leben der heiligen Ursula, oder in dem Gemälde Das Wunder der Kreuzreliquie an der Rialtobrücke. Sehr interessant wird es sein, die Details gemeinsam zu entdecken! Als das Porträt eines Gefährten der Calza-Gesellschaft galt auch das heute nicht mehr sichtbare Fresko von Tizian, das einst die Fassade des Fondaco dei Tedeschi schmückte.

Vittore Carpaccio, Das Wunder der Kreuzreliquie an der Rialtobrücke, Detail, Gallerie dell’Accademia, Venedig

Die Compagnie della Calza … gibt es sie heute noch? Der Verein „I Antichi“ wurde, dank der Initiative einiger venezianischer Familien, im Jahr 1979 mit dem Motto „Spaß macht Vergnügen“ erneut ins Leben gerufen. Die 80er Jahre waren geprägt von der außergewöhnlichen Wiedergeburt des venezianischen Karnevals, der von den Bürgern selbst nach so vielen Jahren des Vergessens ersehnt wurde.

Barbara Tasca
BestVeniceGuides.it
www.thinkvenice.com