Der Garten Querini Stampalia von Carlo Scarpa: Ein Symbol Venedigs

Jul 23, 2019 | Architektur, berühmte Gestalten, Gärten, Geschichte, Kultur, Kunst | 0 Kommentare

Würden Sie jemals sagen, dass ein Garten Venedig in seinem intimsten Wesen darstellen kann?

Wahrscheinlich nicht, da das Wort “Garten” in Verbindung mit der Stadt Venedig erst einmal unpassend klingt. Und doch ist Carlo Scarpa zwischen 1959 und 1963 im Museum Querini Stampalia genau das gelungen.

Die venezianischen Gärten werden normalerweise als versteckt, geheim und mysteriös beschrieben. Tatsächlich sind die meisten unsichtbar, wenn man Venedig erkundet. Von den über 500 Gärten der Stadt sind nur 6 öffentlich und leicht zu finden. Doch die überwiegende Mehrheit bleibt hinter einer hohen Ziegelmauer verborgen und man sieht allenfalls nur den Efeu oder die Glyzine, die innen an der Mauer emporgeklettert sind und sich auf unserer Seite hinunterschlängeln.

Der Garten von Carlo Scarpa ist ebenfalls von einer Ziegelmauer umgeben. Sie ist so hoch, dass man den Eindruck hat,  an einer undurchdringlichen Burgmauer entlang zu gehen. Steht man aber vor dem wasserseitigen Eingang des Palasts Querini Stampalia, kann man den Garten auf der Rückseite erspähen. Eine erfreuliche Entdeckung. Unsere Augen müssen einige Hindernisse überwinden, wie etwa die schmiedeeisernen Tore mit ihren geometrischen Mustern hinter dem Kanal. Durchsichtige Glastüren, halb versteckt durch Betonblöcke, die wie große Stufen den Kanal mit dem Erdgeschoß optisch verbinden. Aber ganz hinten, als Belohnung für unsere neugierigen Augen, erblickt man den kleinen Garten, der wie ein Smaragd unvergleichlich leuchtet.

Der Garten Querini Stampalia erscheint auf der Rückseite des Palastes in Venedig

Dieser Aspekt ist typisch venezianisch. Die städtische Struktur Venedigs birgt wunderbare Orte, wie die Gärten, die ihre Präsenz vor den Augen der zerstreuten Touristen verbergen. Meistens sieht man in Venedig nicht, wohin man geht. Es ist frustrierend, gelinde gesagt. Man kann sich so schnell verlaufen, aber das Labyrinth erhöht die Neugierde und verschafft Freude über die Entdeckung versteckter Schönheiten.

Im Museum Querini Stampalia können Sie den Garten besichtigen und sich somit einen tieferen Einblick in das Wesen Venedigs verschaffen.

Carlo Scarpa gestaltete den Garten wie einen großen Blumentopf, umgeben von einer Mauer.  Die Ziegelwand umschließt ihn auf zwei Seiten und eine etwa einen Meter hohe Betonwand auf zwei anderen Seiten. Diese Mauer soll das Grundstück vor Hochwasser schützen, gleichzeitig verdeutlicht sich aber dadurch die künstliche und amphibische Natur Venedigs, einer Stadt, die auf einem dem Lagunenschlamm entrissenen Land gebaut wurde.

Der Garten Querini Stampalia und die Ziegelmauer rund um die Wiese

Es ist unnötig zu sagen, dass das Wasser in diesem Garten eine zentrale Rolle spielt. Ähnlich wie in den Gärten des Nahen Ostens befinden sich hier zwei Brunnen auf den gegenüberliegenden Seiten der Grünfläche.

Das Wasser fließt ohne Unterlass von einer Seite zur anderen und sein leises Rauschen schenkt uns einen erfreulichen Moment des Nachdenkens und Innehaltens. Ein nicht zu lautes Murmeln, welches ein intimes und diskretes Gespräch nicht stört. Allerdings ist das Wasser im Garten von Carlo Scarpa auch still. Es gibt einen Teich, in dem das Wasser kristallklar ist. Der Boden erstrahlt. Daneben befindet sich ein weiterer Teich, in dem das Wasser dunkel wird und Seerosen verhindern, dass wir seine wahre Tiefe erkennen.

Die Teiche des Gartens Querini Stampalia entworfen von Carlo Scarpa

Die beiden Brunnen sind sehr raffiniert. Halten Sie an und betrachten Sie sie. Beide mit geometrischen Labyrinthen aus Metall und Stein oder Alabaster. In rechteckiger oder runder Form. Ich liebe den Alabasterbrunnen, ich finde ihn so venezianisch. Verstehen Sie mich nicht falsch, es gibt keinen Alabaster in Venedig. Aber Alabaster ist ein Material, das durch Wassertropfen entsteht, die Stalaktiten bilden. Metamorphose pur. Oder wie Venedig, eine Stadt aus Stein auf dem Wasser. Alabaster wird vom Wasser geformt, hier ist hingegen der Alabasterbrunnen, der dem Wasser eine Form gibt, eine labyrinthische Form.

Der von Carlo Scarpa entworfene Alabasterbrunnen im Garten Querini Stampalia in Venedig

Der Garten beherbergt natürlich Pflanzen. Einen Kirschbaum, eine Magnolie, einen Granatapfelbaum, Efeu, Jasmin und gerade im Wasser die symbolträchtigste Pflanze: Einen Papyrus. Carlo Scarpa erklärte, dass diese Pflanze an die Bibliothek erinnern würde, die Graf Giovanni Querini Stampalia seiner Stadt nach seinem Tod im Jahre 1869 großzügig schenkte. Und wieder alles so venezianisch. Der Papyrus erinnert uns an Ägypten, das Land, mit dem die Venezianer in der Antike große Handelsbeziehungen aufgebaut hatten und aus dem der Körper des Schutzpatrons von Venedig, des Heiligen Markus, stammt. Vor allem war Venedig die Stadt von Aldo Manuzio, die Hauptstadt der Verlagsbranche. Schließlich ist es eine Stadt, in der die Kultur eng mit der Natur verbunden war. Eine Stadt in einer Lagune.

Der Papyrus im Garten der Bibliothek Querini Stampalia in Venedig

So ist es nicht verwunderlich, dass wir hier eine Reminiszenz an Kunstwerken und Kunstgegenständen finden. Die Einfassung einer Zisterne erinnert uns daran, wie schwierig es ist, in Venedig Trinkwasser zu finden. In der Nähe befindet sich ein gotischer Löwe, das Symbol von Venedig. Ein Kapitell im römischen Stil schmückt eine Seite des Gartens, umgeben von einer japanischen Atmosphäre. Eine byzantinische Note verleihen die Mosaiksteine von Mario De Luigi, die mit ihrem Gold- und Silberblatt in die Betonwand eingelassen sind.

Die Mosaiksteine von Mario De Luigi im Garten von Carlo Scarpa für den Palazzo Querini Stampalia

Als Carlo Scarpa 1959 endlich mit seinen Baumaßnahmen begann, wurde dieser Teil des Palastes Querini Stampalia vergessen und vernachlässigt. Aber die Venezianer wissen sehr wohl, wie Juwelen aus dem Sumpf entstehen können, vorausgesetzt, der Mensch geht mit der Natur respektvoll um.

Luisella Romeo
BestVeniceGuides
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