Peggy Guggenheim und ihre Sammlung im Palazzo Venier dei Leoni

Sep 21, 2019 | berühmte Gestalten, Geschichte, Kultur, Kunst, moderne Kunst, Tourismus | 0 Kommentare

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Peggy Guggenheim in ihrem venezianischen Palast zwischen ihren Sammlungsstücken posierend

Peggy Guggenheim und ihre Sammlung im Palazzo Venier dei Leoni

Peggy Guggenheim erblickte am 26. August 1898 als Marguerite Guggenheim in New York das Licht der Welt. Sie war die zweitälteste Tochter des jüdischen Ehepaares Florette Seligmann (1870-1937) und Benjamin Guggenheim (1865-1912). Ihr Vater ist heute noch bekannt: Er war der Kavalier und untreue Ehemann, der beim Untergang der Titanic den Damen und vor allem der speziellen Dame in seiner Begleitung den Vortritt überließ und sein Grab im kalten Wasser des Meeres fand.
Ihre Karriere als Kunstmäzenin begann die Amerikanerin mit 39 Jahren in London mit ihrer Kunstgalerie Guggenheim Jeune, die erste Ausstellung 1938 zeigte Werke von Vasily Kandinsky. Mit Zuspitzen der politischen Situation im faschistischen Europa schloss Peggy Guggenheim 1941 ihre Londoner Galerie und kehrte gemeinsam mit ihren beiden Kindern aus erster Ehe und ihrem späteren zweiten Ehemann Max Ernst, dem sie bei der Flucht aus Europa half, in die Vereinigten Staaten zurück. 1942 eröffnete Peggy in New York ihre nächste, mittlerweile „sagenhafte“ Kunstgalerie, Art Of This Century, wo sie vor allem „entartete Kunst“ aus dem faschistischen Europa zeigte. Peggy Guggenheim erkannte darüber hinaus als erste das immense künstlerischen Potential des jungen Amerikaners Jackson Pollock und förderte nachhaltig seinen künstlerischen Werdegang.
Im Jahre 1948 wurde die amerikanische Kunstmäzenin – bis heute einzigartig – von der Kunstbiennale (www.stadtfuehrungen-venedig.de/biennale.htm) nach Venedig eingeladen, um im Länderpavillon Griechenlands (www.stadtfuehrungen-venedig.de/architektur-biennale.htm) ihre bedeutende Sammlung zeitgenössischer Kunst im zerstörten Nachkriegseuropa zu zeigen – und damit der verwaisten europäischen zeitgenössischen Kunst die Möglichkeit zu bieten, an die Moderne, die Zukunft anzudocken.
Peggy Guggenheim sammelte nicht die gesamte Bandbreite der Kunst der klassischen Moderne, sondern spezialisierte sich auf bestimmte Strömungen: Kubisten, Surrealisten, Expressionisten, Abstrakte, die auch heute noch im Museum, der Collezione Peggy Guggenheim in Venedig (www.stadtfuehrungen-venedig.de/peggyguggenheim.htm) zu sehen sind.

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Georges Braque, Die Klarinette, 1912
Öl mit Sand auf ovaler Leinwand
Collezione Peggy Guggenheim, Venedig

Das ovale Bild des Franzosen Georges Braque (1882-1963) war ohne Rahmen geplant. Braque diskutierte zu dieser Zeit mit dem Spanier Pablo Picasso, wie es möglich sei, die sinnentleerte zeitgenössische Kunst aus der Krise, durch die sie durch Impressionismus und Fotografie geraten war, zu retten.
Um den Betrachter vor dem Bild zum Denken anzuregen, muss dieser in das Kunstwerk einbezogen werden. Auf den ersten Blick sieht man nur monochrome Farben, die das Auge nicht wie z.B. Rot oder Gelb ablenken. Aus dieser Fläche kristallisieren sich Teilformen (Kuben) von Objekten der Realität, die jeder kennt wie Flaschen, Gläser, Instrumente, letzteres. Die Teilformen ergänzt der Betrachter zum Gesamt, damit ist das Ziel, einen gedanklichen Prozess bei dem Betrachter auszulösen, erfüllt. Darüber hinaus liest man im Bild ein geschriebenes Wort, WALSE (deut. Walzer), so dass vor dem geistigen Auge des Betrachters zu den Klängen der imaginären Musik die ebenso imaginäre Bewegung des Tanzes hinzu kommt. Vom im Bild geschriebenen Wort zum außerbildlich geschriebenen Wort im Bild ist es nur ein Schritt: der Kubismus entwickelte die Collage.

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Vasily Kandinsky, Landschaft mit roten Flecken, 1913
Öl auf Leinwand
Collezione Peggy Guggenheim, Venedig

Der Russe Vasily Kandinsky (1866-1944) stellte im Laufe seiner künstlerischen Karriere fest, dass ihn eines im Bild nachhaltig irritierte: das Bild. Farben und Formen sollen direkt – ohne das Hindernis Bild – Haus, Berg, Himmel – auf den Betrachter wirken. Also muss das Bild aus dem Bild verschwinden: Kandinsky ging als erster Künstler weltweit den Schritt in das ungegenständliche Bild, in die Abstraktion.
Wohl wissend, dass der Betrachter nicht gewillt ist, ihm auf diesem Wege spontan zu folgen, führte der Russe ebendiesen behutsam aus der gegenständlichen Malerei in die ungegenständliche Malerei. Schon der Titel ist richtungsweisend: Landschaft mit roten Flecken. Je nachdem, was man sehen möchte, sieht man genau das: eine Landschaft oder (rote) Flecken.
In seinen Kompositionen arbeitete Kandinsky ganz gezielt damit, was der Betrachter beim Sehen bestimmter Farben und Formen – wissenschaftlich belegt – fühlt: als angenehm empfindet der Betrachter in der Regel Blau oder Grün – Rot wird in der Regel als aggressiv empfunden. Angenehm sind abgerundete Formen, spitze Formen nicht.
Landschaft mit roten Flecken ist ein sehr harmonisches Bild – und damit hat dieses Bild eine inhaltliche Botschaft: in einer entmystifizierten Zeit, in der das Atom gespalten und die Psyche des Menschen aufgedeckt worden war, in der sich das kommende Grauen eines unheilvollen Krieges bemerkbar machte, suchte Kandinsky nach einer Harmonie, die er trotz alle dem hinter der Realität erhoffte.

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Piet Mondrian, Komposition Nr. 1 mit Rot, 1939
Öl auf Leinwand
Collezione Peggy Guggenheim, Venedig

Zeitgleich mit Kandinsky beschritt auch Piet Mondrian (1872-1944) den Weg in die Abstraktion, wenngleich weitaus rigoroser als Kandinsky, indem er seine Farbpalette auf die Primärfarben Rot, Blau, Gelb sowie die Nichtfarben Schwarz, Weiß und seine Formen auf Rechtecke reduzierte. Dennoch sind diese beiden Künstler durchaus vergleichbar, strebte Mondrian doch genauso wie Kandinsky nach der Harmonie, der positiven Erklärung für die Ursachen der menschlichen Existenz. Das Rot in diesem Bild kann nur an der Stelle sein, an der es ist – ansonsten wird die Harmonie, die durch das Zusammenspiel von Farben und Formen entstanden ist, grundsätzlich zerstört: Was einfach scheint, ist höchst kompliziert.

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Max Ernst, Der Gegenpapst. 1942
Öl auf Leinwand
Collezione Peggy Guggenheim, Venedig

Das Bild, das Max Ernst (1891-1976) während seiner Ehe mit Peggy Guggenheim malte, ist gegenständlich. Allerdings hilft diese Gegenständlichkeit dem Betrachter nicht unbedingt weiter, denn diese eigentümlichen Figuren, die in einer skurrilen Landschaft zu sehen sind, sind kein Bild der sichtbaren Wirklichkeit, der Realität. Max Ernst gehört zu den surrealistischen Malern, die ihre künstlerische Inspiration in den dem menschlichen Verstand nicht zugänglichen Bereichen fand, der Sur-Realität. Das bedrückende Bild hat einen stark autobiographischen Bezug und erzählt vom Ende der Ehe zwischen Peggy Guggenheim und Max Ernst.

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Jackson Pollock, Alchemie, 1947
Öl, Aluminum, Schnur auf Leinwand
Collezione Peggy Guggenheim, Venedig

Jackson Pollock (1912-1956) entwickelte im Nachkriegsamerika u.a. auf der Grundlage der europäischen Kunstströmungen der ersten Jahrhunderthälfte eine neue Form des Kunstschaffens: ausgehend von der expressiven Formen- und Farbsprache der großen Abstakten wie Kandinsky erweiterte Pollock den traditionellen Bildbegriff der abendländischen Malerei um den Aspekt der künstlerischen Aktion, des Action Paintings, welches Teil des Kunstwerkes wurde. Das Malen wird zu einer von Emotionen geladenen Handlung: Die heftigen und vor allem negativen Emotionen des Künstlers haben im Bild in düsteren Farben und eckigen Formen Ausdruck gefunden.

Peggy Guggenheim verstarb am 23. Dezember 1979 und ist im Innenhof ihres Palastes beigesetzt.

Susanne Kunz-Saponaro
BestVeniceGuides.it
https://bestveniceguides.it/de/2019/04/23/biennale-in-venedig/
www.stadtfuehrungen-venedig.de/biennale.htm
www.stadtfuehrungen-venedig.de