Venedig und die Welt des Islam

Nov 20, 2019 | Geschichte, Kultur, Kunst, Religion, Traditionen | 0 Kommentare

François Voltaire schrieb: „Ich segle indes nach Venedig und erwarte dich daselbst. Dort kann ich sicher sein vor Bulgaren und Arabern, vor Juden und Inquisitoren; es ist ein freier Staat. Gerechtigkeit ist in Venedig Gemeinschaftsgut, ebenso wie das Wasser seiner Brunnen“.

Meine Neugier auf die Welt, das Interesse für die Traditionen, die Kultur lassen mich träumen. Es ist immer schön, Kulturen, die anders sind als meine, zu entdecken und zu vertiefen, zu verstehen, wo und wie sie sich mit der Geschichte dieser Stadt, Venedig, wo ich das Glück habe zu leben, im Laufe der Jahrhunderte berührt, überschnitten, unauflöslich verbunden haben.

Im Wesentlichen stieg Venedig dank seiner Beziehungen mit dem Orient zu einer mächtigen Seerepublik auf. War es zunächst nur der nördlichste Vorposten von Byzanz, begann es später, seine Handelsaktivitäten im Mittelmeer auszubauen und wurde immer unabhängiger. Zeitgleich dazu breitete sich ab dem 7. Jh. der Islam aus dem Osten immer weiter aus.

Die venezianische und die islamische Welt trafen entlang der Gewürzhandelsrouten und der Seidenstraße aufeinander: dies führte zu einer Intensivierung ihrer Handelskontakte und dem Austausch von Ideen, Lebensart und Kultur. Und so knüpften Araber, Mameluken, Perser, Ottomanen und Türken Vorrangbeziehungen mit den Venezianern und umgekehrt.

Detail des Kapitells Palazzo Ducale, Dogenpalast, Venedig

Die Serenissima blieb die einzige europäische Macht, die gegenüber der islamischen Welt eine rationale Haltung wahrte, ihre Philosophie und Wissenschaft zu nehmen, ihre Kultur zu bewundern verstand und im Gegenzug mit dem gleichen Interesse behandelt wurde. Dies führte zu gegenseitiger Weitergabe von Wissen, das auch die Entwicklung künstlerischer Ausdrucksformen fördern sollte.

Die Legende von der Überführung des Leichnams des hl. Markus aus Alexandrien in Ägypten nach Venedig ist ein Anlass, nach den Kontakten mit der arabischen Welt des Altertums zu forschen.

Detail der Scuola Grande von San Marco, Venedig

In den ersten Jahrhunderten der Geschichte der Republik gründete der Reichtum der Stadt auf der Initiative des Einzelnen, der sich in Handelsabenteuer an den Küsten des östlichen Mittelmeers weitab der Heimat stürzte.

Während der ersten Kreuzzüge  strebte Venedig danach, Städte an der syrischen und palästinensischen Küste zu erobern, um sodann Handelsniederlassungen in Jerusalem, Alexandrien, Akka, Beirut, Aleppo, Damaskus und Kairo zu errichten … und den Handel zu erleichtern.
So wurde Venedig über den Import von Keramik, Seiden- und Samtstoffen, Teppichen und reich mit Gold und Silber eingelegten und verzierten Metallobjekten nicht nur zu einem sehr guten Käufer, sondern auch zu einem wichtigen Mittler für Europa. Ganz ohne Zweifel hatte die islamische Kultur auch eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung der venezianischen Glasmacherkunst, insbesondere für die Verzierung von Glas mit Emaille.

Iznik-Teller mit Mocenigo Wappen

Vom 16. bis 17. Jh. konnte man in Venedig drei orientalische Sprachen studieren: Arabisch, Türkisch und Persisch, vor allem aus zwei Gründen: für den direkten Zugang zur arabisch-islamischen Kultur der Wissenschaft und Philosophie und als verlässliches Vermittlungsinstrument für die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Ausland. Zu diesem Zweck wurde auch eine Schule für orientalische Sprache am Sitz des venezianischen Bailo (Gesandten) in Pera bei Konstantinopel gegründet.

Die venezianische Buchdruckerkunst leistete dann einen enormen Beitrag zu den immer engeren Beziehungen zwischen Orient und Okzident: es war Aldo Manunzio, der 1505 erstmals die Hieroglyphen deutete, die sich auf einigen ägyptischen Fundstücken fanden. Nicht zu vergessen auch, dass der erste gedruckte Koran in Venedig entstand, und zwar 1537/38, bei Paganino Paganini. Heute ist er in der Bibliothek San Francesco della Vigna aufbewahrt.

Die Best Venice Guides freuen sich schon auf Sie, um Venedig als eine Stadt der Begegnungen zwischen Kulturen, Sprachen und Religionen zu entdecken. Wir zeigen Ihnen Orte, die noch heute von den kulturellen Verflechtungen in dieser auf der ganzen Welt einzigartigen Stadt zeugen!

Jetzt muss ich nur noch anfangen, Arabisch zu lernen!

Alessia Ferrari Bravo (zugelassene Führerin für Italienisch, Polnisch und Deutsch)

Alessia Ferrari Bravo
BestVeniceGuides
www.guidaturisticavenezia.it

Bibliografie
Venezia e l’Islam 828-17987, Marsilio, Venezia 2007
Venezia e l’Egitto, Skira, 2011