Spuren von Mariano Fortuny y Madrazo in Venedig oder “Le but de ma vie est l’art”
Mariano Fortuny war eine facettenreiche und vielseitige, geniale und unternehmerische Person aus einer angesehenen und wohlhabenden Familie; nach dem Tod seines Vaters, der auch Mariano hieß, zog seine Mutter Cecilia mit ihren beiden Kindern Mariano junior und Maria Luisa zuerst nach Paris und einige Jahren später nach Venedig, wo Mariano bis zu seinem Tod, 1949, blieb.
Mariano verbrachte die letzten Jahrzehnte seines Lebens im Palazzo Pesaro degli Orfei, heute Fortuny (Foto 1 und Foto 2), wo sein wunderbares Atelier (Foto 3, Foto 4 und Foto 5) seine Bibliothek (Foto 6) und viele von ihm geschaffenen Werke (Foto 7 und Foto 8) noch heute angeschaut werden können.








All dies, den Palast eingeschlossen, ist Eigentum der Stadt Venedig, und wird heute als Wohnhaus-Museum genutzt (Foto 9), nach dem Willen seiner Frau Henriette Negrin – oder Nigrin – , der Mariano seinen gesamten Besitz hinterließ.

Er besaß eine weitgefächerte und vielseitige Kultur, war gelehrt und in vielen Bereichen kompetent. Er war sowohl Designer, Stylist, Innenarchitekt, Kostümbildner als auch Erfinder und fotografierte mit Kennerauge, erschuf Lampen, Stoffe, Kleider (Foto 10 und Foto 11), unter ihnen das elegante Delphos aus Seide, welches er mit Hilfe seiner Muse und zukünftigen Frau Henriette realisiert hat.


Das Delphos befreite den Frauenkörper endlich vom Eingezwängtsein und hob seine Formen hervor; Henriette hatte wenige Jahre zuvor eine besondere Plissiertechnik erfunden (was auch Mariano einräumte), die unter Hitzeeinwirkung ausgeführt wurde und aus feinsten unregelmäßigen Fältchen bestand (fünf Fältchen pro cm, nicht mehr nur eine oder zwei).
Dieses außerordentliche Kleidungsstück sollte von den berühmtesten Frauen der Zeit wie Eleonora Duse und Peggy Guggenheim oder der Gräfin Casati getragen werden und sollte Schriftsteller wie Proust und D’Annunzio beeindrucken. Noch heute besitzt diese durch die Auriga von Delphi inspirierte Chiton-Tunika aus Seide mit feinsten Fältchen eine große Faszination. Leider wurde die gesamte Kleiderproduktion 1949, nach Marianos Tod, eingestellt und von der Fortuny-Fabrik nicht wieder aufgenommen.
Marianos Hauptinteresse widmete sich dem Licht in seinen unterschiedlichen Erscheinungen und Anwendungen: Licht-Schatten-Kontraste auf seinen Stichen, für deren Herstellung er unterschiedlichste Gravurspitzen verwendete, um spezielle Wirkungen zu erzielen (besondere und u.a. auch weiche Spitzen, die Zahnbürsten ähnelten), diffuses und scharfes Licht auf seinen Fotografien, indirektes und regulierbares Licht im Theater, intensives und oftmals kontrastreiches auf seinen Gemälden, welche zuerst unabhängig und später in Funktion eines Bühnenbildes und fürs Theater geschaffen wurden.
Unter seinen Werken befinden sich einige Zeichnungen, Stoffe, Fotografien, Gemälde (Foto 12 und Foto 13), kleinere Modelle und Bühnenbilder und die berühmte Fortuny-Kuppel, ein Kugelsegment, welches aus einer halben Kuppel, d.h. einem Viertel einer konkaven Kugel besteht. Sie wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts patentiert und sammelte und streute das Bühnenlicht. Sie wurde auch verwendet, um einen Sonnenauf- und -untergang zu reproduzieren, indem das Licht auf die Bühne projiziert oder dort moduliert wurde.


Dies stellte eine völlig neue Konzeption der Bühnenbeleuchtung dar, die dank der Erfindung des elektrischen Lichtes möglich wurde. Anfang der Zwanzigerjahre wurde dieses regulierbare indirekte Licht nicht nur in einigen bedeutenden europäischen Theatern verwendet, vor allem deutschen, sondern auch im Mailänder Teatro alla Scala.
Unter den zahlreichen Interessengebieten Marianos nimmt Stoff einen Ehrenplatz ein. Diese Leidenschaft übernahm er teilweise von seinen Eltern, die Stoffe stets geliebt und gesammelt haben, vor allem orientalische. Seine grenzenlose Neugier unterstützte dieses Interesse, wie auch seine geliebte Partnerin Henriette, die die reichhaltige Stoffsammlung ihrer Familie verwaltete und bereits im Stoffbereich arbeitete, bevor sie ihn kennenlernte.
Im letzten Stockwerk von Palazzo Pesaro degli Orfei (Foto 14), auch heute Teil des wichtigen Fortuny-Museums, welches ich in diesem Post nicht behandeln werde, hatten Mariano und Henriette eine Werkstatt für Stoffdruck auf Seide – später auch auf Gaze und leichtem Samt – eingerichtet, welche unter der Führung Henriettes bis zu hundert Personen beschäftigte.

Erst später wurde – auf der Giudecca-Insel – die Fortuny-Fabrik zur Herstellung erheblichen Umfangs von halb-industriell gefertigten Baumwolldruckstoffen eröffnet; ein Baumwollstoff, der eine außerordentliche Feinheit und fast die Leichtigkeit von Seide erreichte, ohne dabei die vorherige Herstellung des changierenden Damastsamts und der fast durchsichtigen Gaze- oder Seidenstoffe entwerten zu wollen, die für den berühmten Stoffhauch des Knossos–Schals verwendet wurden.
Die Baumwolle erfuhr des Öfteren eine besondere Verarbeitung, um ohne Verwendung von Metallfäden eine Gold- oder Silberwirkung hervorzurufen, die durch mit Pigmenten vermischtes Kupfer- und Alluminiumpulver erzielt wurde. Die unterschiedlichen Mischungen erlaubten verschiedene Farbnuancen und bleiben ein absolutes Unicum in diesem Bereich.
Bei der verwendeten Baumwolle handelte es sich um eine ägyptische langfaserige Pflanzenart. Der Stoff wurde ohne Trockenmaschinen getrocknet, wodurch die Entstehung der haarigen Oberfläche verhindert wurde, die ihr ihren Glanz nimmt. Heute wird dies genauso in derselben Fabrik mit denselben von Fortuny erfundenen Maschinen gemacht, unter Verwendung der von ihm geschnitzten Matritzen, denselben Stempelkissen und denselben Werkzeugen.
Der Ankauf 1919 des Bodens, welcher ihm vom Freund und Genossen Stucky für die Fabrik auf der Giudecca verkauft wurde, die er kurz danach eröffnete und 1927 in Höhe und Breite erweiterte, umfasste den alten Garten des Benediktinerklosters, welches vor länger als einem Jahrhundert davor von Napoleon geschlossen worden war.
Im Laufe des Zwanzigsten Jahrhunderts machte der Garten unterschiedliche Phasen durch, er ging im Westen weiterhin bis zum Kanal Rio San Biagio, welcher unsere insula von der ehemaligen Getreidemühle und dem heutigen Hotel Molino Stucky trennt und im Süden bis zum Kanal Rio delle Convertite.
Eine der wichtigen Veränderungen bestand im Bau des Schwimmbads und der Umziehkabinen in hexagonaler Form, die auf knapp nach Mitte des vergangenen Jahrhunderts zurückgehen (Foto 15) und wo sich die cavana (eine Art von überdachter Bootsgarage) und der Wassereingang befanden. Die Lage erinnert etwas an die traditionellen venezianischen Häuschen, “casini” genannt, die sich stets gegenüber des Haupteingangs und oft, wie in unserem Fall, am Kanal befanden.

Das andere formale Element, welches in der Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts hinzugefügt wurde, war das von Elsie McNeill Lee erbaute Gewächshaus, welches 2001 durch den Brand des Mulino Stucky zerstört wurde.
Elsie, mit ihrem ersten Ehemann Humphrey Lee, übernahm auf Wunsch Henriettes nach dem Tod von Mariano die Fabrik auf der Giudecca.
Elsie ist in Venedig unter dem Namen der Gräfin Gozzi bekannt, da sie in ihrer zweiten Ehe mit dem Grafen Gozzi verheiratet war, einem Nachfahren der berühmten venezianischen Schriftsteller-Familie; sie besaß eine starke Persönlichkeit und wird als solche erinnert; beispielsweise, als sie jemand um den Verkauf eines kleinen Stoffstückchens bat, (d.h. eines Fortuny-Stoffrests) entgegnete sie, dass sie eher alles ins Wasser werfen würde (!!!) als so kleine Mengen zu verkaufen. Und nach dieser Maxime können auch heute nur Großhändler das Fortuny-Showroom von New York betreten.
Ihre Rolle war zu Lebzeiten Marianos und auch nach seinem Tod grundlegend. Dies trifft auch auf die Wahl von Maged F. Riad als ihren Nachfolger zu, dem Familienoberhaupt, welches noch heute – mit Erfolg – die Fortuny-Gesellschaft führt.
Unser Garten ist eklektisch, deshalb muss man die Zeichen der unterschiedlichen Epochen lesen. Ursprünglich diente er sicherlich als Nutz- und Ziergarten, vielleicht mit Tieren, wie es in den Klöstern üblich war und bis vor einigen Jahrzehnten verfügte er über Beete.
Nach einem Hof mit dem herkömmlichen Brunnen (Foto 16) führt ein langer Graspfad (Foto 17) zum Wäldchen (Foto 18 und Foto 19) an der Fabrikwand entlang, die über und über mit Rosen bedeckt ist (Foto 20).





Das Wäldchen, das von einer Glanzmispelhecke (Foto 21) umgeben ist, war nicht unbedingt für die alten venezianischen Gärten typisch, sondern eher für die romantischen Gärten des Neunzehnten Jahrhunderts. Hier wurden die Bäume später gepflanzt und befinden sich alle in sehr gutem Zustand: die Libanonzedern (Foto 22), die Waldkiefer, die Rottanne und Zypressen, wie auch die Linde, die Eiche, die Magnolie, die schöne Sophora (Foto 23) etc.



Die Pflanzen wechseln sich mit den Skulpturen ab, die auf den gesamten Garten verteilt sind, unter ihnen ragen Venus (Foto 24) und Adonis (Foto 25) heraus, die von mehreren Seiten angeschaut werden können. Die Skulpturen sind ein wiederaufgegriffenes Motiv der Tradition des venezianischen Gartens, wo die Statuen oft für die Kräfte der Natur oder die Schönheit, wie im Fall der Venus, stehen oder für die Wiederaufname der Vitalität nach der “toten” Jahreszeit, woran uns Adonis erinnert.


Die Gartenachsen sind in diesem Fall seitlich und parallel, nicht im rechten Winkel stehend, wie es in Venedig üblich ist, teilweise von der weißen und lila-farbenen Glyzinie (Foto 26) überdeckt und von schönen Säulchen mit übergroßen Kapitellen gestützt.

Weder das Rosen-berceau (Foto 27), typisch für die venezianischen Gärten, noch Blumen wie Kamelie, Rose (Foto 28 und 29), Jasmin (Foto 30), Hibiskus, Immergrün (Foto 31) etc. dürfen fehlen, die Mariano zu seinen Stoffmustern inspiriert haben.





Die Verbindung zwischen Stoff und Blumen oder Pflanzen war in der Tat nicht nur eine gute Idee der letzten Restauratorinnen des Gartens, sondern auch eine Hommage an Mariano wegen seiner großen Liebe zur Natur; auf einigen Stoffmustern finden wir Blumen, Früchte, Blätter und Zweige, die wiederholt in stilisierter Weise dargestellt werden (Foto 32 und Foto 33).


Auf den Besuch des Gartens folgt das Atelier, wo die Textilien zum genauen und nahen Anschauen der Stoffmuster ausliegen, sowohl in großen Stoffrollen (Foto 34), als auch in einem großen Musterheft, “Wings” genannt, d.h. Flügel (Foto 35).


Die Stoffe bieten nicht nur von Mariano während seines Lebens erfundene Stoffmuster, sondern auch neue und aktuelle vom Designstudio erfundene, welches innerhalb der Fabrik aktiv ist, um der treuen Kundschaft eine große Bandbreite der Auswahl zu bieten. Diese wird in Übereinstimmung mit den zeitgenössischen Tendenzen mehr oder weniger traditionell und abstrakt gehalten.
Unter der großen Auswahl sieht man auch die Übertragung auf Stoff der wunderschönen Marmorintarsie der Jesuitenkirche (Foto 36 und Foto 37).


Auch die Wiederaufnahme und damit verbundene Neuinterpretation des Militärmusters ist interessant, völlig neu in der Darstellung von Wasser und Inseln anstatt der herkömmlichen Blätter und mit veredelnden kupferfarbigen Lichtreflexen auf der Wasseroberfläche (Foto 38).

Das Showroom ist der einzige Ort der Welt, wo man kleine Fortuny-Stoffstücke erwerben kann, während zu den anderen Verkaufsstellen nur Großhändler Zutritt haben.
Auch ohne bedeutende historische Zeugnisse wie Gravuren, Fotografien, Gemälde, Stoffe etc. von Mariano, die nur im Museum des Palazzo Fortuny in großer Zahl und angemessen ausgestellt werden, erlaubt der einheitliche Komplex von Garten und Fabrikgebäude mit anliegendem Showroom den – normalerweise nicht zugänglichen – Blick auf eine der wenigen handwerklichen und industriellen Realitäten Venedigs, die nur schwer vorstellbar und schwer zu sehen sind.
Der Besuch des gesamten Komplexes (ausgeschlossen der Innenraum der Fabrik, welcher weiterhin die Geheimnisse der Fortuny-Produktion eifersüchtig verborgen hält) ist auf Anfrage und mit vorheriger Reservierung möglich.
Ergreife die Gelegenheit beim Schopf, diese venezianische Ecke mit einer BestVeniceGuide anzuschauen!
loredana giacomini
BestVeniceGuides
loredanagiacomini@gmail.com

