Warum verirrt man sich in Venedig? Ein Loblied auf intelligente Stadtspaziergänge

Dez 18, 2019Architektur, Geschichte, Kirchen, Kunst0 Kommentare

Wenn auch die Technik nicht hilft, sich in Venedig zu orientieren.

Venedig ist eine Stadt, in der man sich verirrt. Das passiert auch den Bewohnern, wenn auch selten. Auch das GPS-Signal ist ungenau. Wenn Sie sich in einer der typischen Gassen Venedigs, einer “calle“ befinden, zeigt es die nächste an. Digitale Karten funktionieren nicht immer: wenn Sie die Adresse und genaue Hausnummer eingeben, wird manchmal der falsche Punkt angegeben. Es wird auch vorkommen, dass Sie zu einem bestimmten Punkt zurück wollen und ständig um ihn herum kreisen, ohne ihn wieder zu finden. Und so werden Sie sich öfter fragen hören: “Entschuldigung, wie komme ich nach….?“. Die Venezianer werden Sie ansehen und sich fragen, ob sie sich diese nahezu unmögliche Wegbeschreibung wirklich antun wollen und werden sich…dagegen entscheiden und sagen: „ immer gerade aus!“. Leider ist es jedoch (fast) nie “gerade” aus.

Ecken und Calli in Cannaregio, Venedig

Gibt es einen Grund, warum Venedig so gebaut wurde?

Warum haben die Venezianer eine Stadt gebaut, in der man sich verläuft? Teilweise liegt der Grund darin, dass Venedig auf Inseln aus Schlamm gebaut würde und um ein Kanalnetz herum wurde, das sich zwischen den Ablagerungen von Flussresten, je nach Stärke der Flut und der Strömung entwickelt. Natürliche und unregelmäßige Formen, bei denen es dem Menschen nur teilweise gelungen ist, dem Ganzen eine gewisse Regelmäßigkeit zu verleihen. Die Landgewinnung erfolgt nach Regeln, aber aufgrund der besonderen Beschaffenheit der Lagune ist ein regelmäßiges Muster nicht immer möglich.

Außerdem ist Venedig nicht als kleine Stadt entstanden, die im Laufe der Zeit gewachsen ist. Vielmehr scheint es, dass einige Siedlungen durch Landgewinnung zu einer einzigen Stadt zusammengewachsen sind. Die Brücken wurden erst später und oft schief gebaut, um Verbindungen zwischen den nicht auf einer Linien liegenden Straßen auf zwei verschiedenen Inseln herzustellen. In Venedig befindet man sich mit anderen Worten, in einer Stadt mit mehreren Zentren und man sieht nicht, wohin man geht.

Die ponte dei miracoli (Die Brücke der Wunder), Cannaregio, Venedig

Es gibt aber auch noch andere Gründe warum man sich verirrt.

Betrachten wir zum Beispiel die Stelle, an der die Strada Nuova in den Campo Santi Apostoli mündet, ein wirklich komplizierter Ort, der bei vielen Besuchern für  Frustration und Orientierungslosigkeit sorgt.

Die Strada Nuova (Die neue Straße)

Die Venezianer nennen sie Strada Nuova, obwohl offiziell nur ein Teil dieser Arterie der Stadt so heisst. Die Strada Nuova verbindet den Bahnhof mit dem Rialto, bzw. mit dem Campo Santi Apostoli. Diese Straße ist das Ergebnis der Aufschüttung vieler Kanäle. Das Projekt begann direkt nach dem Bau der Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine relativ gerade Straße, breit und logisch!

Die 1872 fertiggestellte Strada Nuova

Die Strada Nuova wird jedoch ganz plötzlich im Campo Santi Apostoli unterbrochen. Die fragenden Blicke der Besucher, die gut eine halbe Stunde lang vom Bahnhof her gelaufen sind, fallen auf die Schaufenster der Geschäfte und suchen nach einem Wegweiser. Wo ist der Markusplatz? Wo ist die Rialto-Brücke?

Die Strada Nuova vermittelt den falschen Eindruck, dass man sich in Venedig eigentlich nicht verirren kann. Doch dem ist nicht so. Der Campo Santi Apostoli ist eine Sackgasse. Es gibt keine Hinweisschilder zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt.
Sehen wir uns das Campo zusammen an.

Das Campo Santi Apostoli, ein bizarrer und faszinierender Ort.

In Canalettos Werk erscheint das Campo in seiner ganzen Schönheit.

Campo Santi Apostoli von Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto, Privatsammlung, Mailand

Man sieht die Seite der Kirche der Heiligen Apostel, die wahrscheinlich im 11. Jahrhundert gebaut wurde. Caterina Cornaro, Königin von Zypern, war in der Kirche bestattet, bevor ihre Überreste in die Kirche von San Salvador gebracht wurden.

Der Glockenturm mit seinem Zifferblatt mit arabischen Ziffern ist etwas ganz besonderes. Mit einer Sondergenehmigung können Sie nach oben klettern und von dort eine atemberaubende Aussicht auf die Stadt genießen.

Der Glockenturm und sein Zifferblatt, Kirche der Heiligen Apostel, Venedig

Auf der rechten Seite kann man die Scuola dell’Angelo Custode (Schule des Schutzengels) bewundern, die Kirche einer alten Bruderschaft, die 1713 von Andrea Tirali entworfen wurde. Seit 1813 befindet sich in diesem Gebäude die Kirche der Evangelischen Gemeinde, die älteste lutherische Gemeinde Italiens. Treten Sie ein, wenn geöffnet ist. Sie werden von den Kunstwerken und der faszinierenden Geschichte der Protestanten in Venedig überrascht sein.

Die Hauptfassade der Scuola dell’Angelo Custode, dem heutigen Sitz der Evangelisch-Lutherischen Kirche, Campo Santi Apostoli, Venedig

Auf der anderen Seite des campo sehen Sie schließlich das Haus des Dogen Marin Faliero, der 1355 wegen Verrats an dem venezianischen Staat enthauptet wurde.

Das Haus des Dogen Marin Faliero, Campo Santi Apostoli, Venedig

Warum verläuft man sich also im Campo Santi Apostoli? Vor allem, weil man sich vom Bahnhof bis zur Strada Nuova in einer Stadt des 19. Jahrhunderts befand und nun wird man urplötzlich in eine mittelalterliche Stadt katapultiert, wo anstelle der Boulevards nun Brücken, Kanäle und Gassen zu finden sind.

Eingepfercht in den Menschenmassen der venezianischen calli

In jüngster Zeit ist der Campo Santi Apostoli jedoch zu einem Beobachtungspunkt für ein anderes Phänomen geworden. Die Zahl der Menschen, die der Stadt einen Blitzbesuch abstatten, ist dramatisch gestiegen. Was sich hier abspielt, ist symptomatisch für alle, die nach Venedig kommen und den gleichen Weg gehen. In Richtung Rialto befindet man sich in einem regelrechten Trichter. Die Menge an Ramschläden und Junk Food –Verkäufern nimmt einem die Freude an dem Spaziergang. Mit anderen Worten, Sie sind in der “falschen“ Straße gelandet…..

Es gibt also mehrere Gründe, warum man sich in Venedig verirrt und wie man sich verirren kann. Fuer was werden Sie sich entscheiden? Mein Tipp: lassen Sie sich treiben, aber versuchen Sie dabei- auch wenn es sonderbar klingt- Ihre Wege doch zu planen. Lassen Sie sich Zeit, nur so wird Ihnen in Venedig nichts entgehen.  

Luisella Romeo
Best Venice Guides
www.seevenice.it

 

 

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