Carlo Scarpa und das Erdgeschoss vom Palazzo Querini Stampalia in Venedig

Feb 26, 2020 | Architektur, berühmte Gestalten, Geschichte, Kultur, Kunst | 0 Kommentare

Der Palazzo Querini Stampalia in der Nähe vom Campo Santa Maria Formosa wurde am Ende des 19. Jahrhunderts vom letzten Querini der Stadt Venedig vermacht, ‘ad uso pubblico’ für öffentliche Zwecke.

Die erste Etage ist Sitz der reichen Bibliothek (das Kabinett der Lektüren ‘Gabinetto di Lettura’ wie der letzte Querini sich in seinem Testament ausgedrückt hatte) und die zweite Etage ist Sitz von einem Haus-Museum, mit wertvollen Möbelstücken, Bildern von Bellini und Longhi, Murano Lüstern und einem Sèvres Tafelservice.

Portego ‘Halle’ im Palazzo Querini Stampalia

Carlo Scarpa

Die gleichnamige Stiftung unter dem leitenden Direktor Manlio Dazzi beauftragte 1949 den venezianischen Architekten Carlo Scarpa die Räume im Erdgeschoss neu zu gestalten und den Garten neu anzulegen.

Erst 10 Jahre später fing die eigentliche Zusammenarbeit zwischen diesem genialen Architekten des 20. Jahrhunderts und der Stiftung Querini Stampalia an, Gino Luzzato war President und Giuseppe Mazzariol der neue Direktor.

Carlo Scarpa hatte schon mit der Murano Firma Venini als Leiter der Glasmanufaktur zusammengearbeitet, Ca’ Foscari restauriert, den Pavillon der Bücher in der Biennale geplant, neue Einrichtungen u.a. für die Gemälde Galerie Accademia, das Correr Museum, für die Ausstellung über Bellini im Dogenpalast, die Gipsothek von Canova und das Showroom Olivetti auf dem Markusplatz geplant.

Carlo Scarpa plante einen neuen Eingang zum Palast Querini Stampalia durch eine Zugangsbrücke; es ist eine interessante Lösung einen Palast anstelle des alten Eingangs durch ein ehemaliges Fenster zu betreten.

Wir reden aber jetzt nicht über die Struktur, die wunderschönen Elemente dieser leichten Brücke, das Wappen oder die Installation von Kosuth an der Fassade, sondern wir erreichen jetzt den ersten Saal.

Eingang und Fußboden

Der erste Eindruck ist, daß eine unsichtbare Hand kleine Steine aus einem Sack auf den Fußboden verstreut hat  …

Fußboden im ehemaligen Eingang

Es handelt sich um Marmorsteinchen, die anscheinend zufällig, aber sehr harmonisch auf den Grund gelegt worden sind.

Es sieht wie ein kostbarer Teppich aus, aus 4 Farben bestehend, weiß, orange, rot und schwarz, wie ein Schachbrett, mit quadratischen, rechteckigen oder L-förmigen Einsätzen.

Detail vom Fußboden

Der Fußboden scheint zu vibrieren. Einfach großartig!

Wie alle Teppiche hat auch dieser Teppich einen Anfang und ein Ende, keine Franzen, sondern eine Umrandung aus weißem Istrienstein, wie die Stufen der Brücken oder die Fenster Venedigs.

Dann schaue ich über die Kante und bemerke, ich bin Teil des Teppichs, ich stehe auf einer vom Fußboden erhöhten Plattform; das Wasser könnte hineindringen, mich umgeben. Der Teppich schützt die Besucher mit einer leichten Wölbung nach Außen.

Umrandung des Fußbodens

Die Wände sind mit rechteckigen Paneelen bedeckt, Stucco Lustro Paneelen, die wie Bilder hängen, aber ein Teil der dahinterliegenden Wand bleibt sichtbar. Jedes Paneel ist durch eiserne Elemente distanziert, jedes Paneel hat eine schwarze wie einen Rahmen aussehende Kante, wodurch man die untere Wand hier und da erblicken kann.

Überall sind die Übergänge deutlich erkennbar.

Wand mit dem alten Eingang

Die materielle Schichtung bei Boden, Wand und Decke ist sehr gut gelungen.

Rechts vom Bild der Markuskuppeln erkennt man den ehemaligen Eingang in den Palast.

Wand mit dem alten Eingang

Die Decke ist niedrig, in Blöcken aus rotem Stucco. Die Farbe verlieht dem Raum eine besonders warme Ausstrahlung.

Die Restaurierung von Carlo Scarpa begleitet uns Schritt für Schritt. Wir folgen unbemerkt seiner Hand, die uns genial weiter führt.

Geradeaus könnte man das Treppenhaus erreichen, mit den schönen Stufen, dem Geländer, den Paneelen, die nicht mit den Stufen übereinstimmen, den Flügeln der Fenster.

Mein Blick dreht sich jedoch nach links, zum Bogen, der zum nächsten Saal mit den doppelten Wassertüren, zum luftigen Luzzato Saal und zum Garten führt.

Staunen. Der Renaissance Bogen wird durch den modernen Bogen aus Zement, der der Form des alten Bogens folgt, betont und genial aufgewertet.

Was für eine Kunstfertigkeit!

Renaissance Bogen mit dem Zementbogen

Der Übergang vom Alten zum Neuen ist harmonisch, reibungslos und übersichtlich, es wird zu einem Ganzen und trotzdem nimmt das Neue nichts vom Alten weg. Die Dualität ist zu einer harmonischen Einheit geworden.

Diese Interpretation von historischen Orten können wir auch in dem Luzzato Saal und im Garten weiter verfolgen.

Haben Sie Lust ins Detail zu gehen, sich auch diese weiteren Räumlichkeiten mit hervorragender Architektur anzuschauen und vielleicht auch die Sammlung Querini mit Pinakothek?

Ich warte auf Sie.

Fiona Giusto
BestVeniceGuides.it
www.venicetours.it