Johann von Lobkovicz zum Hassenstein auf der Wallfahrt von Venedig ins Heilige Land.

Jul 27, 2020berühmte Gestalten, Geschichte, Kirchen, Kultur, Kunst, Kuriositäten0 Kommentare

Johann Freiherr Lobkovicz oder Lobkovitz (1450 – 1517 Kaaden (Kadan) in Nordböhmen) entstammte einem der ältesten böhmischen Adelsgeschlechtern. Ein Diplomat und großer Liebhaber der Kunst brach er Mitte April 1493 im Gefolge einer grossen Reisegellschaft, die den Kurfürsten Friedrich den Weissen von Sachsen begleitete ins Heilige Land auf. Die Abschrift seines Tagebuches ist aus dem Jahr 1505.

Nach einer langen und mühsamen Reise war Herr Johann in Venedig angekommen und in dem vornehmen Gasthaus „Leon Bianco“ – „Zum weissen Löwen“ abgestiegen.

Ca‘ Da Mosto (Gasthaus zum Weissen Löwen), Venedig

 

Der Palast aus dem 13. Jahrhundert steht heute noch am Canal Grande unweit der Rialtobrücke.

Rialtobrücke, Venedig

Rialtobrücke V. Carpaccio Das Wunder der Reliquie des Heiligen Kreuzes 1494 Gallerie dell’Accademia

Venedig war zu seiner Zeit das wichtigste Handelszentrum Europas. Aus allen Ländern strömten nach Venedig Kaufleute und Vertreter der Handelshäuser der größten Patrizierfamilien. Man ging aber nicht nur in Geschäften nach Venedig. Der venezianische Hafen war der Ausgangspunkt für Pilgerfahrten zum Heiligen Grab in Jerusalem und für die Venezianer natürlich ein Geschäft.  In der Regel mußten die Pilger sich mehrere Wochen aufhalten bis die Passagierliste voll wurde, die weniger betuchten Reisenden fanden Unterkunft in den Klöstern auf den Laguneninseln.
Am Tag nach seiner Ankunft hatte sich Herr Lobkovicz zusammen mit dem Schiffspatron in den Dogenpalast begeben und wurde dort vom Dogen Agostino Barbarigo empfangen.

Pala Barbarigo 1488 Doge Agostino Barbarigo mit den Heiligen Markus und Augustinus Murano, Kirche San Pietro Martire

Erb a portrét Dožete Agostino Barbarigo (portrét od G. Bellini v kostele San Pietro Martire na ostrově Murano) erb-Stemma

Wappen des Dogen Agostino Barbarigo

Von der Pracht des Dogenpalastes mit seinen goldverzierten Holzdecken, kostbaren Marmorsäulen und vom Reichtum der Stadt war Herr Lobkovicz geradezu überwältigt.

Porta della Carta Haupteingang des Dogenpalastes 1442 B. Bon

Marmorsäulen, Dogenpalast, Venedig

In Anwesenheit des „cancelier grande“ dem Vorsteher des Staatsarchivs wurde der  Reisevertrag beglaubigt und archiviert.

Hlava archivu

Cancellier Grande

Der Schiffskapitän verpflichtete sich für die Summe von 50 Golddukaten alle Kosten für die Überfahrt, Verpflegung, Unterkunft zu übernehmen und auch bewaffnete Begleitung zu den wichtigsten Stätten im Heiligen Land zu garantieren – wohl die ersten Pauschalreisen in der Geschichte. Und dann nützte Herr Johann wirklich jeden Tag seines Aufenthaltes aus um die Stadt zu erkunden.
Auf Murano bewunderte er die Handfertigkeit der Glasbläser, die vor seinen Augen hauchdünne Trinkgläser und handverzierte Pokale zauberten.

Pokal Barovier Hochzeitspokal 1470 Glasmuseum Murano

In der Schiffswerft „Arsenale“ zählte er an die 1000 Arbeiter und beobachtete wie Frauen am Werk waren und Segel anfertigten und reparierten.

Canaletto, Il ponte dell’Arsenale, private Sammlung

La Scuola dei Remeri, Die Zunft der Rudermacher, Venedig

Und die restlichen Tage widmete er den Besuchen der Kirchen und Klöster in denen heute noch unzählige Reliquien aufbewahrt werden – er schätzte 76 Klöster, 68 Kirchen und Priester, Nonnen und Mönche mehr als in ganz Böhmen.

Die Kirche „Santa Lucia“ musste der modernen Zeit weichen, an ihrer Stelle befindet sich heute der Bahnhof. Auch ein Teil des Gartens der nahegelegenen Kirche der Karmeliter “Scalzi“ (erbaut 1670-1705) fiel den Geleisen zum Opfer. Die Kirche mit ihrer heutigen Fassade im barocken Stil steht heute noch und auch der Garten obwohl kleiner existiert und man produziert wieder Wein.

kostel Bosonohých Karmelitánů

Kirche S. Maria di Nazareth – Scalzi G. Sardi 1672-1680

Der Garten der Kirche der Karmeliter „Scalzi“, Venedig

 

Auf der Insel San Giorgio wurde die Kirche vom Architekten A. Palladio umgebaut und das ehemalige Kloster der Benediktiner ist nun der Sitz der Stiftung G. Cini.

San Giorgio Maggiore Kirche, Venedig

Auf der Insel San Clemente besuchte er die Kirche und das Kloster, damals mit einer Herberge-Krankenhaus und Quarantäne für Pilger. Herr Johann würde sich wundern, heute ist die ganze Insel ein Luxushotel.

Die Insel San Clemente, Venedig

Der gotische Teil der Kirche San Zaccaria ist heute noch vorhanden.

San Zaccaria Kirche, Venedig

Antonio Vivarini e Giovanni d’Alemagna, Polittico San Tarasio, San Zaccaria Kirche

und das Eingangsportal der Kirche der heiligen Helena würde er gewiss erkennen.

Sant’Elena – Kirche der Heiligen Helena Hauptportal 1462 Vettor Cappello auf Knien vor der Heiligen Helena

San Francesco della Vigna mit dem Kloster der Franziskaner existiert heute noch auch wenn mit der neuen Renaissance Fassade und „Vigna“ – der Weingarten bietet eine grüne Oase des Friedens. Leider auch von der modernen Zeit bedroht, denn das geplante Hotel auf  dem benachbarten Grundstück würde den Garten in den Schatten einhüllen.

S.Francesco della Vigna Weingarten vom Ex-Gaswerk bedroht

Am Tag der Himmelfahrt wohnte Herr Johann einem großen Fest bei. „La Sensa“- die Vermählung Venedigs mit dem Meer ist  eine uralte venezianische Tradition, die seit  ein Tausend Jahren jedes Jahr erneuert wird.  Der Doge nahm auf Bucintoro, dem Zeremonieschiff unter einem vergoldeten Baldachin Platz und erreichte die Insel Lido.

Forte Sant’Andrea und Bucintoro, das Zeremonieschiffdes Dogen, Venedig

Dort, bei der Nikolauskirche zwischen den zwei Festungen hatte der Doge auf einer Schnur dreimal einen goldenen Ring in die Wellen getaucht und danach den Ring ins Meer geworfen und der Patriarch erteilte Venedig , der Braut der Adria seinen Segen.

S. Nicolò – Nikolauskirche Lido

Einige Tage danach hatte Herr Lobkovicz seinen Aufenthalt beendet. Vor der Abfahrt ging er noch zur Messe und Beichte in die Nikolauskirche. Dort zeigten ihm die Mönche die Reliquie des Heiligen Nikolaus, des Schutzpatrons der venezianischen Flotte und zu seiner größten Verwunderung  auch zwei Reliquien,  die Knochen des böhmischen Heiligen Prokopius. Wie sie nach Venedig kamen und ob sie auch echt seien wisse wohl nur der liebe Gott. Und mit diesen Worten bestieg Johann von Lobkovicz seine Galere und verließ am 30. Mai 1493 Venedig.

Veronica Polacek
BestVeniceGuides
ver.polacek@gmail.com