Die Glocken von San Marco in Venedig

Jan 5, 2021berühmte Gestalten, Geschichte, Handwerk, Kunst, Kuriositäten0 Kommentare

Wozu waren die Glocken da?

Der Klang der Glocken vom Markusplatz ist allen Venezianern wohl vertraut. Man hört sie in der ganzen Stadt… und nicht nur. Ein Fischer aus Burano erzählte mir einmal, dass er mitten in der Nacht in der Lagune fischte. Als er die Glocken von San Marco hörte, wusste er dass es Mitternacht war.

Früher verkündeten die Glocken nicht nur besondere Momente des Tages oder Gottesdienste, sondern läuteten beispielsweise auch bei einem Piratenangriff oder sie warnten die Bevölkerung vor einem Brand oder anderen Gefahren. So läutete zum Beispiel die größte Glocke von San Marco jeden Morgen nicht nur zum Gottesdienst, sondern auch um den Wächtern des jüdischen Ghettos das Zeichen zu geben, die Tore zu öffnen.

Detail of one of the bells in St Mark’s campanile, Venice

Ein Detail einer der Glocken von San Marco in Venedig

Der Name der Glocken von San Marco

Gegenwärtig befinden sich im Glockenstuhl von San Marco fünf Glocken. Es waren aber nicht immer fünf gewesen, sondern auch mal sechs, sogar sieben. Die jetzigen tragen den Namen der ursprünglichen Originalglocken des XV. Jhdts. So hieß die Große Marangona, die anderen Nona oder Mezzana, Pregadi, Trottiera und Maleficio. Die Namen gehen auf die Gelegenheit zurück, zu der sie ursprünglich läuteten. Die Marangona heißt so, weil sie morgens läutete, wenn die Handwerker des Arsenals ihre Arbeit begannen (die marangoni waren die Schreiner). Die Nona verdankt ihren Namen der neunten Stunde, bzw. der Mittagsstunde. Die Pregadi erklang zu den Versammlungen der Senatoren, welche “pregadi” genannt wurden, weil sie zu den Arbeiten des Senats “gebeten” wurden. Die Trottiera verdankt ihren Namen wohl den trabenden Pferden, die die Regierungsmitglieder zum Dogenpalast brachten. Und schließlich die Maleficio-Glocke, welche den Vollzug von Todesstrafen verkündete.

Wie alt sind die Glocken von San Marco?

Keine der gegenwärtigen Glocken ist wirklich antik. Als der Glockenturm um 9:47 Uhr des 14. Juli 1902 einstürzte, gingen vier der fünf Glocken dabei zu Bruch. Die größte von ihnen, die Marangona, blieb unversehrt, doch auch in diesem Fall handelt es sich nicht um die originale Marangona, sondern um die unter der Herrschaft der Habsburger gegossene.

Detail of one of the bells in St Mark’s campanile, Venice

Ein Detail einer der Glocken von San Marco in Venedig

Eine Kuriosität: als die Markusbasilika 1807 Kathedrale wurde, war dem Patriarchen sehr daran gelegen, dass sie mit neuen riesigen Glocken ausgestattet wurde. Zu diesem Zweck wurde die Bronze der bestehenden Glocken, sowie die der 6000 im Zuge des napoleonischen Edikts säkularisierten Glocken der Klöster, Konvente und Kirchen eingeschmolzen. Die neuen Glocken waren jedoch viel zu schwer und wurden so nie genutzt. So ließen die Habsburger neue Glocken gießen, darunter auch die Marangona, die wir heute sehen und die den Einsturz 1902 überlebt hat.

Wie entstanden die vier Glocken von San Marco?

Der Guss der vier Glocken war alles andere als einfach, auch weil sie auf den Klang der intakt gebliebenen Marangona abgestimmt werden mussten.

Nach Einrichtung einer Expertenkommission, bestehend aus dem Dirigenten der Musikkapellen von San Marco von Venedig, dem der Basilika des Heiligen Antonius von Padua, dem Leiter des Konservatoriums von Mailand und Ermanno Secondo Barigozzi, der die gleichnamige Gießerei in Mailand leitete, begannen die Arbeiten.

Zuerst begab sich Barigozzi nach Venedig, um sich über die genaue Note des Klangs der Marangona-Glocke klar zu werden.  Es ist ein A. Demzufolge hatten die anderen Glocken ein B, Cis, D und E zu läuten. Barigozzi lässt die Bronze der zerstörten Glocken auf die Insel Sant’ Elena bringen, wo der Guss der neuen Glocken stattfinden soll.

A view of Venice from above, taken from the Bell Tower in St Mark’s square

Ein Detail einer der Glocken von San Marco in Venedig

Der Moment, in dem die Bronze in der Gießerei eingeschmolzen wird, hat etwas ganz Besonderes, Feierliches, fast Ehrfürchtiges. Die Gießer stehen, dem Gott Hephaistos gleich, vor dem aus der Erde brechenden Feuer und säubern die Metalloberfläche mit einer in die siedend heiße Flüssigkeit getauchten Art Schöpfkelle von Unreinheiten. Als ob sie am Krater eines Vulkans stünden, bei dem die Lava kurz vor dem Ausbruch in die von den Menschen gewünschte Form gegossen wird.

Es gilt den richtigen Moment zu finden, zu warten bis das Metall die richtige Temperatur erreicht und dann…los!  Auch die Formen der Glocken von San Marco befanden sich unter der Erde an diesem 24. April 1909, um dem Druck von 8 Tonnen glühend heißer Bronze standzuhalten.

Erst im Juni wird der Klang geprüft, denn wer hätte schon mitten in all dem Feuer, Metall und Rauch sagen können, ob die Glocken den richtigen Klang hatten? Doch wer sie heute hört, wird sich schnell darüber klar, dass das Unternehmen mehr als geglückt ist.

Detail of one of the bells in St Mark’s campanile, Venice

Ein Detail einer der Glocken von San Marco in Venedig

Noch eine letzte Kuriosität: auf den Glocken ist eine leere Stelle, auf der der Name von Barigozzi, dem Gießer, hätte stehen sollen. Warum? Barigozzi selbst hatte das entschieden, aber das ist eine andere Geschichte, die ich Ihnen unter anderem erzähle, wenn wir auf den Glockenturm steigen, um die Schönheit der Glocken und natürlich Venedigs zu bewundern.

A view of Venice from above, taken from the Bell Tower in St Mark’s square

Der Blick von Venedig, den man auf dem Glockenturm von San Marco in Venedig geniessen kann

 

Luisella Romeo
BestVeniceGuides
www.seevenice.it