Acqua Alta Hochwasser auf dem Markusplatz in Venedig

Mrz 5, 2021Alltagsleben, Geschichte, Kuriositäten, Lagune, Umwelt0 Kommentare

Der Himmel ist blau, die Luft ganz klar, die ersten Sonnenstrahlen wärmen meine Wangen, dort wo sie nicht von der Maske bedeckt sind. Ich gehe dem Ufer Riva degli Schiavoni entlang und nähere mich dem Markusplatz. Die Ponte della Paglia, die Strohbrücke, von wo aus man die Seufzerbrücke betrachten kann, ist menschenleer, tja, es sind noch Corona-Pandemie Zeiten.

Von der Strohbrücke aus blicke ich auf den geflügelten Markuslöwen aus Bronze auf der einen Säule und dahinter die Fassade der Markusbibliothek.

Markuslöwe und Markusbibliothek

Dem Dogenpalast gehe ich entlang und biege rechts ab, an der Ecke, wo die Marmorstatuen von Adam und Eva herunterschauen.

Ich bemerke, die Piazzetta ist in den niedrigeren Stellen, die parallel zum Dogenpalast verlaufen, unter Wasser. Ich weiß schon, daß die Piazza, der Markusplatz, fast komplett unter Wasser stehen wird, da es dort viele Stellen gibt, die wesentlich niedriger sind als hier.

Wasserspiegelungen des Uhrenturmes und der Markuskirche

13. Januar 2021 10 Uhr: Markusplatz

Heute weht kein Wind; man spürt als Venezianer auch in der Luft, daß wir heute keine besonders starke Flut haben werden. Hoffentlich werden wir katastrophale Überschwemmungen nie mehr erleben müssen, jetzt, wo die Fluttore, die Sperrwerke an den drei Einlässen vom Meer aus in die Lagune endlich fertig sind. Ich kneife die Augen zu. Auf dem Uhrenturm sind die Mondphasen angegeben, der Mond ist blau, also haben wir Neumond. 13. Januar 2021 Neumond. Alles macht Sinn.

Hochwasser in Venedig: Wie wird es gemessen?

Was beeinflußt die Gezeiten? Erstens zwei wichtige Faktoren: die astronomischen Gezeiten, damit gemeint sind die Mondphasen (Hochwasser tritt als Phänomen öfters bei Vollmond und Neumond auf) und die Wetterbedingungen. Wenn ein Scirocco Wind aus Süd Osten bläst, werden dann Wassermengen in die obere Adria gedrückt oder im Falle eines Bora Windes aus Nord Osten sammeln sich diese in der Lagune. Dazu trägt auch bei, daß die Adria im oberen Teil schmaler und der Meeresgrund seichter ist. In einem Artikel stand, daß der Wind bis zu einem 1 Meter Anstieg des Wassers führen kann.

Ein weiterer Faktor ist der Luftdruck, desto niedriger, desto höher wird dann das Wasser sein. Man nennt diesen Effekt barometrisch umgekehrten Effekt. Diese Veränderung im Luftdruck kann bis zu 20 cm Unterschied führen. Also alle diese Kräfte können sich addieren.

Heute scheint die Sonne auf die leere Stadt Venedig und blendet; auf dem Markusplatz spiegelt sich alles im Wasser, das aus den Straßenabläufen heute sanft nach oben quellt. Ich kann der Versuchung dieses Photo Motivs nicht widerstehen und fange an, zu photographieren. Ein Profi Photograph mit Gummistiefeln watet gerade durch das Wasser, bewegt es und die Spiegelungen der Markuskirche sind verzerrt und nicht mehr erkennbar. Ich muss warten.

Ich schätze, die Flut muss ca. 85 cm über Meeresspiegel Normal-Null sein, die niedrigsten Teile des Markusplatzes werden schon mit einer Flut von 70 cm nass. ‘Sie ore ea cala, sie ore ea cresse’. Das Wasser geht 6 Stunden zurück und dann steigt es wieder 6 Stunden. Um den Pfützen herum erkenne ich keine Spuren von nassem Boden, das bedeutet das Wasser steigt noch, zum Glück langsam.

Ich schaffe es endlich, die gotischen Elemente der Markuskirche und deren Wasserspiegelungen zu photographieren.

Spiegelungen der gotischen Elemente der Markuskirche

Das in Häufigkeit und Ausmaß steigende Phänomen des Hochwassers ist ‘faszinierend’, besonders für diejenigen, die nicht in der Lagune wohnen. Oft gestellte Fragen sind, wie das Wasser durch die Gullys nach oben dringt? Warum schwappt das Wasser auch nicht von dem Ufer hinüber?

Das Ufer zum Markuswasserbecken ist ab 2003 erhöht worden und liegt nun über 100 cm über Meeresspiegel Normal-Null. Die Messung über – in diesem Fall – oder unter Meeresspiegel Normal-Null wird von einer Stelle in der Nähe der ehemaligen Zollamt Station, Punta della Dogana, berechnet, die man 1897 ausgewählt hat.

Zwei Phänomene wie Subsidenz, als Folge der Grundwasserentnahme (von 1950 bis 1970 ca. 12 cm) und das steigende Niveau des Meeres (9 cm zwischen 1900 und 1970 und ca. 15 cm von 1970 bis 2015) haben dazu geführt, daß heute diese Stelle 26 cm höher liegt.

Hochwasser Vorhersage

Das Hochwasser wurde in den Siebziger Jahren durch Sirenen angekündigt. Dann kann ich mich noch erinnern, wie man eine Zeit lang, die Stadtgemeinde anrief und eine Nachricht auf Tonband die Vorhersage meldete. Als die Internet Zeiten begannen, konnte man die Vorhersage von der Seite der Stadtgemeinde abrufen und dann durch einen Text auf dem Handy, immer von der Stadtgemeinde aus. Jetzt gibt es eine hi!tide App, die die Vorhersage für 3 Tage im Voraus und den aktualisierten Stand angibt.

Heute noch funktionieren als Warnsystem die heulenden Sirenen (heute ist der Sound digital mit 4 verschiedenen Tonstufen), die Webseite und der Text der Stadtgemeinde.

Die Vorhersage wird für das Markuswasserbecken gerechnet; die Zeit des Höhepunktes muss vor- oder zurückverlegt werden, je nachdem, wo man sich in der Lagune gerade befindet, auf dem Lido Damm um 45 Minuten vor oder auf Murano 15 Minuten zurück.

Ich gehe zum Markusplatz und mache ein paar Photos. Was für ein tolles Panorama!

Spiegelungen der Markuskuppeln

Sicherung und Abdichtung des Narthex der Markuskirche

Die Fläche vor der Markuskirche ist eine der tiefsten Venedigs. Zuerst nach dem Prinzip der kommunizierenden Gefäße drückt das Wasser durch die Schlitze zwischen dem weißen Marmor am Eingang der Kirche und den grauen Steinen bei ca. 70 cm, dann in Kürze bei ca. 75 cm kommt der Nartex mit den kostbaren Fußböden und den mittelalterlichen Portalen dran und ab 100 cm schwappt das Wasser auch vom Ufer herein. Zwischen dem 10. und dem 30. November 2019 (d.h. in Verbindung mit der schrecklichen Flut von Dienstag dem 12. November 2019 mit 187 cm) war der Nartex, so hat man gerechnet, ca. 250 Stunden unter Wasser!.

Auch wenn es nicht besonders hoch ist, ist das Hochwasser trotzdem sehr schädlich, die Marmorplatten und -teile der Kirche sind dem Salz ausgesetzt, das Mauerwerk saugt sich voll, wird porös, zerfressen und Stücke davon zerbröckeln.

Zwischen 2017 und 2019 wurde ein System von Ventilen entworfen, um den Narthex bis 85 cm trocken zu halten und schützen, aber der deutlich gestiegene Wasserstand ist eine wiederkehrende Bedrohung.

Nun wartet man auf das Projekt für den Schutz der Markuskirche mit einer Glasbarriere und das größere Projekt für die Wasserabdichtung des ganzen Markusplatzes.

Das erste Projekt sieht die Ersetzung der eiserenen Abzäunung vor der Kirche mit Glasscheiben vor, um eine Barriere bis 2 Meter Höhe zu bilden, Glasscheiben, die nach der kompletten Wasserabdichtung der Markus Insula entfernt werden sollen.

Das erste Projekt wurde wegen ästhetischer Begründung abgelehnt, das zweite vom Studio Boeri ebenfalls, so wie auch das dritte vom Ingenieur Rinaldo. Jetzt kommt wieder das erste mit Änderungen ins Rennen zurück.

Ich wende meinen Blick zu dem Flügel der Alten Prokuratien, der im Erdgeschoss komplett unter Wasser steht. Wie traurig!

Spiegelungen von den Alten Prokuratien

Spiegelungen von den Alten Prokuratien mit einem Fußgänger

Passerelle Holzstege

Die Passerelle, Holzstege werden in Venedig zwischen dem 15. September und dem 30. April aufgestellt; die Hochwassersaison ist am schlimmsten in der Reihenfolge November, Dezember und Oktober. In den Sommermonaten reicht das Wasser bis ca. 80/90 cm; die Basilika hat in den letzen paar Jahren ihre eigenen Holzstege aufstellen müssen, so daß Besucher die ersten Pfützen überbrücken können.

Passerelle Holzstege vor dem Dogenpalast

Diese Passerelle Holzstege, die einige Besucher für Ausstellung der Waren für Märkte halten (!), ermöglichen einen Fußweg bis ca. 120 cm, der dann auf dem Markusplatz mit einer Flut von 130 cm unbegehbar ist.

Passerelle Holzstege

Eine Stadtführung ist bis einer Flut von ca. 130 cm möglich, denn eine gebürtige Stadtführerin weiß, wie hoch alle Gassen sind und kennt jede Stelle, von wo aus man ein schönes Photo mit Wasserspiegelung machen kann!

Fiona Giusto
www.venicetours.it
BestVeniceGuides