Touren in Venedig für Blinde und Sehbehinderte: eine Tour auf venezianischen Booten und Voga-Rudern

Aug 5, 2021Geschichte, Gesellschaft, Touren in Venedig, Traditionen, Voga-Rudern0 Kommentare

Führungen in Venedig für blinde und sehbehinderte Menschen

Die Besichtigung von Venedig kann für blinde oder sehbehinderte Menschen durchaus schwierig werden. Der unebene Boden, die Stufen auf den Brücken, ganz zu schweigen von „fondamente“, also den engen Straßen am Kanal entlang, ganz ohne Brüstung. All dies kann den Eindruck erwecken, dass Venedig eine “schwierige“ Stadt für Menschen mit Sehbehinderung ist. Von daher empfand ich die Teilnahme an einem Kurs der UICI, des italienischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes als extrem nützlich. Hier lernte ich Techniken zur Organisation von Führungen für Blinde und Sehbehinderte, wodurch ich – erlauben Sie mir das Wortspiel- eine neue Sicht der Dinge erworben habe und nun neue Chancen nutzen kann, von denen ich vorher keine Ahnung hatte.

Venedig mit blinden Besuchern beobachten und erleben

Gehen wir davon aus, dass Sehen können nicht gleichbedeutend mit Beobachten können ist, und dass es keine extra Touren für sehbehinderte oder blinde Menschen gibt. Im Grunde sind alle Touren möglich, was sich ändert ist allein die Technik, die Erzählweise und die Herangehensweise.

Ich habe mir zwei Touren überlegt, die den Tast-, Gehör-, Geruchs- und auch  Geschmackssinn ansprechen. Hier lesen Sie über die Tour auf venezianischen Booten und über die venezianische Voga, eine Ruderntechnik, die sich in Venedig entwickelt hat. Der andere Rundgang dreht sich stattdessen um die Geschichte des Karnevals, die Masken und das Getränk, das man im achtzehnten Jahrhundert in Venedig zu schätzen lernte, nämlich die Schokolade (Am 5. September wird ein weiterer Artikel für unseren Blog veröffentlicht).

Eine Tour für Blinde in Venedig: die Bootstour

Venedig ist eine Stadt, in der es ohne Boote gar nichts gäbe. Dank der Schiffe gelangten Luxusgüter aus dem Fernen Osten, von der afrikanischen Küste, aus Palästina und der byzantinischen Welt nach Venedig und wurden von dort aus in europäische Städte und verschiedene Häfen exportiert, oft über die im venezianischen Arsenal gebauten Schiffe. Aber ohne Boote könnten wir uns auch nicht auf den Kanälen der Stadt bewegen und Menschen und Dinge transportieren. Auch die Materialien, mit denen Venedig gebaut wurde, wurden mit diesen Schiffen in die Stadt gebracht, von Holz über Metall bis hin zu Stein.

Sind Sie bereit, nun die Welt der Bootsbauer mit mir zu erkunden und einen Einblick in die venezianische Rudertechnik im Stehen zu bekommen?

Rudern und „forcole“ in Venedig

Beginnen wir unseren Rundgang mit den Werkzeugen, die die Venezianer zum Rudern entwickelt haben, nämlich die Ruder und die Dollen oder Ruderlager, die in Venedig einen besonderen Namen haben: „forcole“.

Die Ruder haben eine besondere Form. Der seitliche Teil des Ruderblatts, der nach oben zeigt, hat eine abgewinkelte Form, die als „Diamant“ bezeichnet wird. Wenn wir das Ruder berühren, wird uns klar, wie es sanft die Wassermassen bewegt, um das Boot so vorwärts zu bewegen. Das Ruder wurde ursprünglich konzipiert, um sich im flachen Wasser der Lagune zu bewegen und erforderte daher keine plötzlichen oder kräftigen Bewegungen. Mit kleinen und leichten Bewegungen lassen sich selbst die schwersten Boote bewegen. Jedes Boot hat sein eigenes Ruder, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass es verschiedene Ruder gibt, je nachdem ob der Ruderer auf dem Bug oder auf dem Heck steht.

Der Name „forcola“ geht auf das Wort „forchetta” also „Gabel“ zurück und hat eine ganz eigene Form. Es kann aus Nussbaum-, Kirschbaum- und sogar Birnbaumholz gefertigt werden. Diese Form zu berühren ist eine wahre Freude. Sie variiert je nach Körpergröße des Ruderers, nach Art des Boots, das Sie rudern, oder ob auf dem Bug oder Heck gerudert wird. Die Forcola ändert sich je nach der Geschwindigkeit mit der Sie rudern. Wenn Sie an einer Regatta teilnehmen wollen, muss die Forcola es Ihnen ermöglichen, schnell zu fahren und Kräfte und Reibung mit dem Wasser zu optimieren. Die Forcola tragen Sie nach dem Anlegen Ihres Bootes immer bei sich, so wie einen Autoschlüssel…

Dieses Foto zeigt einige „forcole“, d.h. die Rudergabeln der venezianischen Boote in Piero Dris Werkstatt in Cannaregio. Bemerkenswert sind die unterschiedlichen Formen und Größen in Nussbaum-, Kirsch- oder sogar Birnbaumholz

Dieses Foto zeigt einige„forcole“, d.h. die Rudergabeln der venezianischen Boote in Piero Dris Werkstatt in Cannaregio.

Die Ruder variieren je nach Boot und ob Sie vom Bug oder Heck aus rudern. Sie sind aus verschiedenen Hölzern gefertigt und haben eine Form mit einer „Schaufel“ an einem Ende, und einer Kante mit einem Zacken, um sich im Wasser zu bewegen und mehr Wasser verschieben zu können, dem sogenannten „Diamant“. Das Foto zeigt die Ruder in der Werkstatt von Piero Dri in Cannaregio.

Das Gondelmuseum

Nun besuchen wir einen magischen Ort, eine Art Gondelmuseum in einer alten Bootswerft. Stellen Sie sich kleine Holzmodelle der verschiedenen venezianischen Boote vor, und die Werkzeuge, die zum Teil gar nicht mehr verwendet werden, die in den Booten liegen: Sie werden viele Gegenstände aus der Welt der venezianischen Boote anfassen können und verstehen, wie sich die Gondel, das berühmteste venezianische Boot, im Laufe der Geschichte verändert hat. Wir werden sehen, wie verschiedene Boote für unterschiedliche Zwecke gebaut wurden, für Fischer, Gondolieri und Kaufleute. Außerdem lernen Sie neue Wörter, wie z.B. mascareta, puparin, sandal, caorlina…

Die Steuerruder der venezianischen Boote hängen an der Wand in der alten Werft oder „Squero“ des Vereins Arzanà. In verschiedenen Größen werden sie für die Boote mit „al terzo“-Segel verwendet, das so genannt wird, weil das „Großsegel“, also das Hauptsegel, auf zwei Drittel- Höhe des Hauptmastes angebracht ist.

Im Stehen rudern und Venedig mit dem Boot erleben

Was fehlt jetzt noch? Rudern lernen! Im Stehen, mit dem Körper in Richtung des Bootes, wobei das Ruder auf der Gabel ruht, so lernen Sie rudern. Das klingt schwierig, ist aber einfacher als Sie denken. Wenn Ihnen das lieber ist, können Sie sich auch setzen, sich zurücklehnen und sich auf den Kanälen treiben lassen, dem Rauschen des Wassers lauschen, und die Bewegungen und die Sprachsignale lernen, mit denen man in eine Wasserstraße fährt. Venedig vom Wasser aus ist ein ganz anderes Erlebnis als ein Spaziergang durch die Calli und Fondamente. Das Plätschern des Wassers, der nicht immer angenehme Geruch der Kanäle, der Klang der „cocai“ (Möwen). Ganz ohne Hindernisse.

Der Verein RowVenice organisiert Vogakurse für alle Altersgruppen und dieses Foto zeigt einige Passagiere, die lernen das Ruder zu halten, es ins Wasser zu tauchen und in den Kanälen von Venedig in einem traditionellen Holzboot zu rudern.

 

Luisella Romeo
BestVeniceGuides
www.seevenice.it
Wenn Sie eine Stadtführung mit Luisella Romeo buchen möchten, schreiben Sie an l.romeo@seevenice.it