Alessia Ferrari Bravo
Artikel von Alessia Ferrari Bravo

Venezianisches Albanien

„Das Meer kultivieren und nicht das Land”¹: ein Motto, das mit der Geschichte der  Serenissima entstand, die sich von Venedig bis Konstantinopel und hin zu den Handelsplätzen am Schwarzen Meer erstreckte, entlang der Küsten, der adriatischen Inseln, des Ionischen Meers und der Ägäis – weshalb bereits 1154 das Meer von Venedig bis Durazzo und Valone als „culfus Venetiarum”, also als Golf der Venediger bezeichnet wurde.

Die Ostküste der unteren Adria hieß „Venezianisches Albanien”, im Unterschied zum Rest des „Türkischen Albaniens“. Der Name leitet sich ab von den Besitzungen und Städten in der Gegend zwischen Shkodra und Durazzo, in der Venedig aktiv war und die den Zugang zur Via Egniatia, also zur Landverbindung mit Konstantinopel bildete.

Als diese Regionen ab 1420 nach und nach von den Ottomanen erobert wurden, nahm Venedig die Bucht von Kotor, Perasto, Antivari (heute: Bar), Budva, Dulcigno und Castelnuovo (Herzeg Novi) ein, was hieß, dass mit „Venezianischem Albanien” nun vielmehr das Küstengebiet des heutigen Montenegro gemeint war, das zusammen mit Dalmatien eine gemeinsame Verwaltungseinheit mit Zentrum Zara bildete. Dank des Schutzes der Serenissima und der Bemühungen der lokalen Bevölkerung wurden die Städte Kotor und Perasto von den Ottomanen nie eingenommen, und die Bucht von Kotor blieb über Jahrhunderte die äußerste Grenze des christlichen Europas zum Reich des Sultans. Von daher verwundert es nicht, dass die Türme der Stadtmauern von Kotor nach den Contarini, Renier, Soranzo, Loredan, Priuli heißen … oder dass sich in zahlreichen Städten eine Markus-Kirche befindet.

Leon in moeca in Kotor (Cattaro)

Die Einwohner dieser Regionen wurden vollberechtigte venezianische Untergebene und die Republik bot den albanischen Adligen und ihren Familien Zuflucht in Venedig oder einer beliebigen anderen venezianischen Region, wenn sie durch das Vorrücken der Türken zur Flucht gezwungen waren, und gestanden ihnen auch Pensionszahlungen und öffentliche Ämter zu. Es gab zahlreiche Unterstützungsmaßnahmen für Frauen aus Shkodra und Drishti und ihre Kinder, und zwar ein Leben lang für die Frauen, und für die Kinder so lange, bis diese alt genug waren, um für sich selbst sorgen zu können. Die Frauen erhielten eine regelmäßige monatliche Zuwendung, und ihre Töchter im Falle einer Heirat einen Betrag für die Aussteuer. Einer der vielen Beweise im Laufe der Geschichte, dass die Repubblica nicht nur hinsichtlich Aufnahme von und Respekt gegenüber Ausländern, sondern insbesondere auch hinsichtlich ihrer Integration ein hervorragendes Beispiel war: Albaner, die in venezianisches Hoheitsgebiet einwanderten, wurden venezianische Bürger, mit den gleichen Rechten und Pflichten, und ihre Nachnamen wurden so abgeändert, dass sie venezianischer klangen – so dass es schon etwa 50 Jahre nach ihrer Ansiedlung in der Stadt sehr schwierig wurde, ihre Vorgeschichte zu rekonstruieren, da sie inzwischen in jeder Hinsicht Venezianer geworden waren.

Die Albaner, die nach Venedig gekommen waren, gründeten neben der San-Maurizio-Kirche eine Schule, die erste „Ausländer”-Schule in der Stadt, auf deren Fassade die Belagerung von Shkodra zu sehen ist, die sich dem aufreibenden Kampf von 1479 ergeben musste.

Basrelief auf der Fassade der Scuola degli Albanesi, Detail
Basrelief auf der Fassade der Scuola degli Albanesi, Detail

Im Palazzo Ducale findet sich in der Sala del Maggior Consiglio ein Gemälde von Veronese mit der Darstellung der Verteidigung von Shkodra 1474 unter Antonio Loredan, der Anführer in dem Kampf gegen die ottomanischen Truppen unter Sultan Mehmed II. persönlich. Diesem Kampf folgt der Angriff von 1478, der auf dem Basrelief der Scuola degli Albanesi gezeigt wird.

Antonio Loredan führt den Kampf zur Befreiung von Shkodra von der Belagerung durch Mehmed II an. Paolo Veronese, 1585, Palazzo Ducale, Detail

Nicht vergessen werden darf der albanische Nationalheld Giorgio Castriota Scanderbeg (1405 –1468), dessen Statue von 1606 bis 1718 auf dem Bucintoro zu sehen war, vielleicht deshalb, weil die Serenissima zu Beginn des 17. Jh. im Konflikt mit dem Papst stand, sowohl wegen der Angelegenheit Paolo Sarpi als auch, weil die Kirche versuchte, Venedig mit in einen weiteren Kreuzzug hineinzuziehen und Venedig nicht so recht wollte. Die Scanderbeg-Statue war also eine diplomatische Geste, die auf die Zeiten verweisen sollte, in denen Venedig die Adria zusammen mit dem albanischen Helden gegen die Türken verteidigte.

Abgesehen davon war Scanderbeg der damaligen venezianischen Gesellschaft auch dank des gleichnamigen musikalischen Dramas von Antonio Vivaldi nach dem Libretto von Antonio Salvi bestens bekannt.

Venedig ist voller Ecken, die nicht nur unnachahmliche Schönheit bergen, sondern auch eine Geschichte mit vielen interessanten Einzelheiten und lehrreichen Dingen. Ich freue mich schon, sie zusammen mit Ihnen zu entdecken.

Alessia Ferrari Bravo
BestVeniceGuides
www.guidaturisticavenezia.it
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¹ G. Thomas-R. Predelli, Diplomatarium veneto-levantinum, I, Venezia, 1880

 

Bibliografie:

L’Albania veneta, Regione del Veneto, Biblion edizioni (Albanisches Venezien, Die Region Veneto)

Migrazioni e integrazione: il caso degli Albanesi a Venezia (1479-1552), Lucia Nadin Bassani (Migration und Integration: der Fall der Albaner in Venedig (1479-1552).

Interviews Prof. Lucia Nadin

www.balcanicaucaso.org

www.albanianews.it