Fiona Giusto
Artikel von Fiona Giusto

Der Erzengel Michael im goldenen Retabel ‚Pala d’oro‘ in der Markuskirche

Eins der wichtigsten Werke der Goldschmiedekunst auf der Welt, neben dem Verduner Altar in Klosterneuburg, befindet sich in Venedig: das Retabel Pala d’Oro in der Markuskirche. Sobald ich mit meinen Kunden den Hochaltar erreicht habe und um die Säulen aus Alabaster nach links gegangen bin, merke ich, entweder wie ihnen der Atem für 3 Sekunden stockt oder wie sie einen Ausruf des Staunens nicht unterdrücken können. Dann greifen sie zum Handy oder zur Kamera und machen sofort begeistert Fotos. Sie sind von den glänzenden und leuchtenden Emails dieses Werkes tiefst beeindruckt.

Pala d’Oro: Alles was glänzt ist Gold!

Pala d’Oro

Danach nähern wir uns diesem atemberaubenden Altaraufsatz (3,34 x 2,12 h Mt) und erkennen hunderte von Emails, die in 3 Zeitphasen zusammengefügt wurden, in 1105 mit dem Doge Oderlaffo Falier, dann in 1209 mit dem Dogen Pietro Ziani überarbeitet und die zuletzt in 1345 mit dem Dogen Andrea Dandolo erneuert wurden. Teils in Byzanz, wo diese Technik sehr beliebt war, teils in Venedig wurden sie hergestellt. In einem Dokument wird eine Sorte von Ur-Pala in 976 mit dem Dogen Pietro Orseolo erwähnt. Im unteren Teil erkennen wir die älteren Emailtafeln mit Jesus, den Propheten (sehr gut anschaulich), Aposteln, Engeln, den Geschichten aus dem Leben vom Markus und den Festen des Lebens Christi. Im oberen Teil reihen sich die aus der Pantokrator Kirche in Konstantinopel gestohlenen Platten auf und als Letztes kam der vergoldete silberne Rahmen mit fast 2000 kostbaren Edelsteinen hinzu.

Emailtafeln mit dem Erzengel Michael

Ich möchte Ihnen heute die Platten mit dem Erzengel Michael (=wer ist Gott) präsentieren. Die größte ist die Vierpasstafel aus dem XII. Jahrhundert in der Mitte im oberen Teil; sie mißt 44 h x 39 cm und wurde anlässlich des vierten Kreuzzuges hierher gebracht. Der Erzengel schaut zu unserer rechten Seite, er hält in seiner linken Hand den roten Stab (rot wie seine Schuhe) eines blauen Labariums (Hauptheeresfahne) mit dem ganz klein dreimal wiederholten Wort AƬIOC (heilig). Er trägt auf einer blauen Tunika mit goldenen Blättern und einem grünen Rand einen breiten Loros, eine Stola, die auf seinem linken Arm fällt. Unter der rechten Hand ist das Epigonation, ein rautenförmiges Tuch, erkennbar; seine schwarzen lockigen Haare sind mit einem weißen Band zusammengebunden. In dieser Platte erkennt man verschiedene Techniken. Cloisoné, auch Zellenschmelz genannt, auf einer Trägerplatte aus Silber (mit Blattgold überzogen) wurden Goldstreifen oder Goldbänder in der Form vom gewünschten Umriss aufgelötet und zwischen ihnen verschiedenfarbige Glasflüsse oder Schmelzpulvern eingelassen, im Ofen gebrannt und auf diese Weise geschmolzen. Die Linien des Körpers und der Flügel sind dagegen in der Tiefe hinein geritzt, à fond repoussée. Seine linke Hand und sein Kopf sind gemalt, seine rechte Hand ist aus Gold und wurde im XIII. Jahrhundert hinzugefügt, zusammen mit den Perlen im Heiligenschein und um den Hals. Links und rechts sind zwei Seraphim mit 6 Flügeln; die schwarze Inschrift Erzengel Michael ist zum Teil vom Rahmen versteckt. In 1345 wurde die Perle bei der Hand hinzugefügt wie auch die des Heiligenscheines.

Der Erzengel Michael in der größten Platte

Sehr gut sichtbar sind zwei Platten auf dem äußersten unteren Rahmen, jeweils der zweitletzte von unten links und rechts. Die runde Platte hat einen Durchmesser von 4,1 cm. Der Erzengel wird frontal dargestellt, Brustbild als Halbfigur, seine Augen schauen zu unserer rechten Seite. In seiner rechten Hand hält er ein Zepter, in der linken die Weltkugel, Sphaira. Er trägt einen gelben Loros mit emaillierten Edelsteinen und hängenden Perlen. Seine Tunika ist blau, mit einem gelben Kragen. Sein Heiligenschein ist blau-grün. Seine wunderschönen Flügel sind offen. Als Zierde um das Email lauter Punkte mit der roten Schrift Michael.

weitere Platte vom Erzengel Michael

Eine dritte Platte in der Form von einem Vierpass vom Erzengel misst 5,2 h x 5,3 cm. Er wird dreiviertel nach links gedreht dargestellt, in seiner linken Hand wieder ein Zepter und in seiner rechten die Weltkugel. Seine gelbe Stola, Loros mit einem geometrischen Muster, ist hier breiter. Eine identische Dekoration erkennt man auf dem Kragen, Maniakion. Die Dekoration besteht aus einem weiß-grünen Rankenmotiv, mit roten Blumen auf einem blauen Hintergrund. Die Inschrift Michael ist hier schwarz.

Vierpasstafel vom Erzengel Michael

Zwei ganz kleine, von unten fast unerkennbar, sind im oberen Niveau des Retabels angeordnet, links vor der großen Platte von Michael und rechts um den Rahmen des oberen Teiles. Ein weiteres ist im oberen Register auf der rechten Seite.

Ikonographie vom Erzengel Michael

Die Emailarbeiten wurden zum großen Teil von byzantinischen Goldschmieden angefertigt; daher wird der Michael nach der byzantinischen Ikonographie dargestellt, indem er die Kleidung eines hohen Ranges trägt, Loros, und rote Schuhe, mit Labarium und Sphaira. In der westlichen Ikonographie sind Schwert und Waage die Attribute vom Erzengel Michael. Im Alten Testament ist er der Anführer der himmlischen Heerscharen, im Garten von Eden verteidigt er mit seinem flammenden Schwert den Lebensbaum, in der Offenbarung von Johannes setzt er sich in dem Kampf gegen die Dämonen als Bezwinger Satans ein; er besiegt den Teufel in der Form eines Drachens. Er kommt in den Apokryphen im Moses Kampf vor. Öfters in der Psychostasie auch mit einer Seelenwaage dargestellt. Wollen wir die weiteren Emails zusammen bewundern?

ein Detail vom Retabel Pala d‘Oro

Fiona Giusto
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