Fiona Giusto
Artikel von Fiona Giusto

Das rätselhafte Bild von Giorgione Die alte Frau in der Gemäldegalerie Accademia in Venedig

Bei einer Besichtigung der Gemälde Galerie Accademia in Venedig haben Sie bestimmt Giorgiones Bild Das Gewitter (La tempesta) in guter Erinnerung.

Das Gewitter

Giorgiones Gewitter

Es handelt sich um ein epochemachendes, epochales Werk für die venezianische Malerei. Hier können Sie einen Artikel von mir darüber lesen.

Es gibt dennoch ein weiteres Werk von Giorgione, das mit seinem enigmatischen Sujet das Gewitter weit übersteigt, nämlich die alte Frau (La vecchia), ebenfalls in der Accademia zu bewundern.

Giorgiones Die alte Frau

Die alte Frau

Hinter einer schwarzen schlichten Balustrade hebt sich eine alte Frau mit Falten gegen einen dunklen Hintergrund ab. Sie schaut den Betrachter direkt in die Augen; ihre unordentlichen Haare sind nur zum Teil unter einer Kappe festgehalten, ihr Mund ist halb offen, ihre Zähne sind unregelmäßig, ein weißer Schal liegt auf der linken Schulter, als ob es gerade dorthin mit der rechten Hand gelegt worden wäre. Ihr rechter Zeigefinger deutet auf sich und hinter ihrer rechten Hand liest man auf dem Zettel col tempo (mit der Zeit).

Giorgiones alte Frau, Detail des Gesichtes

Thema des Bildes

Ein unbekanntes Sujet für die damalige Zeit, und so bleibt es ein Unikum. Auch die Entschlüsselung von diesem Bild wie das Gewitter ist kompliziert.

Im 16. Jahrhundert wurden alte Frauen verunglimpft, sie galten wenn alt und nicht besonders gepflegt als negatives Beispiel. Überhaupt sieht man sie selten mit einem offenen Mund gemalt; ist vielleicht der Mund Symbol des Unermesslichen? Steht sie als Symbol der Zeit, die vergeht? Als Sinnbild der Vergänglichkeit?

Vor dieser Frau fühlen wir uns verunsichert, fast verdrängt. Wer ist diese alte Frau? Wer würde sich so porträtieren lassen? Was will sie uns sagen?

Giorgiones alte Frau, Detail von ihrem Mund

Albrecht Dürer hat bei seinem zweiten, längeren Besuch in Venedig oder kurz nach seiner Rückkehr ein Bild gemalt, das heute im Kunsthistorischen Museum in Wien zu sehen ist.

Dürer malte einen jungen unbekannten Mann, vielleicht einen deutschen Kaufmann, den er in Venedig getroffen hatte. Auf der Rückseite malte er ein altes Weib mit entblößter Brust und Geldbeutel.

Vielleicht Überbleibsel von einem verlorenen Flügel eines Doppelbildnisses, mit in der Mitte ein Scharnier, aufklappbar wie ein Buch? Gibt es einen Zusammenhang mit der alten Frau von Giorgione?

http://www.capella-academica.at/2002-2003/6-vanitas_big.jpg
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http://www.capella-academica.at/2002-2003/6-portrait_big.jpg
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Dürers junger unbekannter Mann Dürers altes Weib

Ist auch Giorgiones Bild ein übriggebliebenes Stück von einem Diptychon? War es ein doppeltes Porträt von Mann und Frau mit auf der Rückseite eine Allegorie des Altwerdens? Der Zettel col tempo ist als memento mori zu interpretieren? Könnte uns eine noch nicht entdeckte literarische Quelle weiterhelfen?

In einem Dokument wird in Verbindung zur Frau auch ein Coperta, also Deckel erwähnt. Wenig ist im Allgemeinen über diese Mode der Deckel bekannt; Bilder mit Deckeln waren eher typischer für Nord-Europa.

Giorgiones alte Frau, Detail des Zettels

Restaurierungen

Die alte Frau ist 2019 dank der Stiftung Foundation for Italian Art & Culture in ca. 7 Monaten von 2 Experten restauriert worden.

Das alte Make Up wurde erneuert und nun sieht sie so aus, wie vor 500 Jahren. ‚Geliftet‘ ist sie nun bestens, die Zeichen der Seneszenz und des Altwerdens sind verschwunden!

2 Restaurierungs Kampanien sind bekannt (Pellicioli und Nonfarmale) und 2 Fotos aus dem späten 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts (Carlo Naya und Anderson) kommen uns zur Hilfe, als Ausgangspunkt für Vergleiche.

Man hat die Oberfläche der Malfläche gereinigt, die Wiederbemalungen (bei Nase, Stirn, Wange, Balustrade) entfernt. Kleid, Schal und Kappe sind dagegen in einem guten Zustand, die fehlenden Stücke integriert, eine neue Schicht Lack hinzugefügt und die hölzerne Spannung der Leinwand verbessert.

Die Leinwand ist die originale, zwar dünn, typisch für die flämische Malerei, sie kostete weniger, aber war demzufolge zerbrechlicher, daher überleben nur noch wenige Beispiele heute.

Giorgiones alte Frau, Detail des Schales

Dann schaut man zu ihr zurück. Ihr Ausdruck ist von großer Intensität, keine Karikatur, sondern eine Behauptung, so bin ich.

Eine eindeutige Interpretation wird noch gesucht.

Besitzer und Sammler

Es wurde zum ersten Mal im Verzeichnis von Vendramin erwähnt, als Portrait der Mutter von Giorgione in einem Rahmen mit dem Vendramin Wappen (der heutige Rahmen ist also nicht der ursprüngliche, da keine Spuren von einem entfernten Wappen zu sehen sind), dann war es im Besitz vom Kaufmann Cristoforo Orsetti und dann Girolamo Manfrin, als Tizians Mutter aus dem Umkreis von Giorgione (mano giorgionesca).

1856 wurde es von Franz Joseph gekauft und der Stadt als die alte Frau, Mutter von Tizian, gemalt auf der Weise von Giorgione (alla maniera del Giorgione) gegeben.

Giorgiones alte Frau

 

Treten Sie noch weiter in das Rätsel hinein, gerne führen wir BestVeniceGuides Sie auf der Tour durch die Accademia.

Fiona Giusto
BestVeniceGuides
www.venicetours.it

Wenn Sie eine Stadtführung mit Fiona Giusto buchen möchten, schreiben Sie an fiona.giusto@gmail.com