Fiona Giusto
Artikel von Fiona Giusto

Die industrialisierte Giudecca Insel: Backsteine und Schornsteine

An einem frühen November Vormittag entschloss ich mich, einen Spaziergang durch die Giudecca Insel zu machen, und zwar mit meinem Fotoapparat. Absicht war, mit Ruhe stillgelegte Industriekomplexe zu fotografieren, die in den letzten Jahrzehnten von verschiedenen Architekten entweder umgestaltet oder ex novo aufgebaut worden waren.

Nicht das Venedig der Postkarten, der clichéartigen Kanäle, sondern die Gegenwartsarchitektur, die zeitgenössische Architektur.

die Fotografin und die Bauten des gegenüberliegenden Zattere Ufers in einem Fenster auf Giudecca reflektiert

Brauerei – Ernst Wullekopf

Bei Palanca ausgestiegen, nahm ich das Ziel auf die ehemalige Brauerei, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom deutschen Architekten Ernst Wullekopf errichtet wurde.

Venedig hatte damals 4 Brauereien; die Brauerei Bilotti war schon 1836 bei Santa Chiara in Venedig aktiv; unter dem Namen Distilleria Veneziana (später Birra San Marco, Pedavena Dreher) ließ sie diesen Komplex auf der Giudecca errichten. Für mich wird sie immer die Brauerei Dreher bleiben – als Kind klang der Name Dreher witzig; ich dachte, es wäre ein deutscher Name, ich wusste damals nicht, Anton Dreher Senior war aus Ungarn.

Giuseppe Gambirasio

Der damals 50 jährige, aus Bergamo stammende Architekt Giuseppe Gambirasio hat zu Beginn der 80er Jahren den zentralen Bau des Komplexes Fabbrica degli Spiriti, in geförderten Wohnungsbauten umgestaltet.

Die Hauptfront der Brauerei

Dieses Hauptgebäude aus Backstein (30 x 20 x 22 Meter) bot sich wegen der großen Fenster und der dicken Wände schlecht an. Durch die Einführung einer Gasse, die sich durch das Innere des Gebäudes zieht, und entsprechende Galerien, konnte Gambirasio 44 Wohneinheiten zum Neubesiedeln planen.

Das Licht scheint durch 3 Lichtfenster in der Form von Glaspyramiden durch. Diese Pyramiden beweisen, dass im Inneren Änderungen vorgenommen worden sind, obwohl das Äußere vollständig geblieben ist.

Rückseite des Komplexes mit Notausgang zum Schornstein

Wie ein Kind musste ich durch das Fenster der Fortuny Fabrik hineinschauen, wo seit 1919 die herrlichen Stoffe nach dem geheim gehaltenen Verfahren von Mariano gedruckt werden. Kunden, dachte ich, würde ich bei einer Führung erklären, warum man neben der italienischen und venezianischen Fahne auch die amerikanische an windigen Tagen flattern sieht.

Fortuny Fabrik und Stucky Mühle

Und dann ging es weiter zur Stucky Mühle, heute das Hilton Hotel.

Vom Zattere Ufer aus betrachtet, rätseln viele, ob dieses ein Schloss sei. Steht man direkt unten vor der enormen Masse der Mühle und schaut nach oben, ist der Bau schon sehr imposant, besonders bei diesem blauen, wolkenlosen Himmel.

die Westfassade der Stucky Mühle

Giovanni Stucky und seine Mühle – Ernst Wullekopf

Diese faszinierende Geschichte fing mit Hans Stucky an, der aus der Nähe von Bern kam und in einer Mühle bei Treviso, dann bei der Oexle Mühle in San Girolamo in Venedig arbeitete. Als Oexle starb, zog sich Hans auf das Festland zurück und machte sich als Müller selbstständig. Venetien war damals die Region Italiens mit den meisten Mühlen.

Sein Sohn Giovanni Stucky half seinem Vaternach der Rückkehr aus seiner Bildungsreise durch Deutschland, Österreich und in Ungarn und kaufte sich Ende des 19. Jahrhunderts Grundstücke auf der Giudecca, wo ein Holzdepot und eine Kirche waren.

Seine 6 stöckige Mühle lag günstig dem neu geplanten Hafen von Venedig gegenüber.

1895 gab Giovanni, der in der Zwischenzeit der reichste Venezianer der Zeit geworden war (180.000 Lire pro Jahr Einkommen), dem Architekten Ernst Wullekopf aus Hannover den Auftrag eine größere Mühle zu bauen. Der Grund musste erneut befestigt werden, mit Holzpfählen und Beton.

Giovanni und Ernst hatten sich angeblich im Zug kennengelernt und waren so ins Geschwätz gekommen, dass sie ihre Station verpasst hatten… darüber hätten sie lange noch gelacht.

Ich ging an die ehemalige Nudelfabrik zum Innenhof weiter, wo heute die Statue von Giovanni Stucky thront.

Statue von Giovanni Stucky

Giovanni Stucky, der klassische Musik und Walzer liebte, der Prinz der Müller, der Inhaber vom Palazzo Grassi und der Villa Stucky, schaut amüsiert und selbstbewusst.

Zementfabrik – Gino Valle

Ich erreichte dann den Komplex, wo zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Kalk- und Zementfabrik Casale Monferrato war, später Holzdepot Trevisan.

Der aus Udine stammende Architekt Gino Valle hat in den 80er Jahren ex novo 94 Wohnungen errichtet.

Er plante einen mittleren Teil (100 x 30 Meter) aus 4 Etagen und einen Vorbau aus 2 Etagen bestehend, an den 2 Seiten von 5 Bauten umgeben.

Treppe, die zum mittleren Bau von Gino Valle führt

Die Masse des gigantischen Ziegelbaues ist mit Absicht massiv zur Mühle hin; immer leichter wird sie in Richtung der flachen Lagune. Das Material ist wie bei Brauerei und Mühle Backstein, aber heller, rosafarbiger. Alle Wände sind unten und oben von einer Umrandung aus Stahlbeton umrahmt.

Das Spiel der Linien auf der ersten Etage im mittleren Bau

 

Wenn verputzt, sind die inneren Wände grün wie das Wasser der Lagune.

seitlicher Bau, mit der grün verputzten Wand des Treppenhauses

Kein Lärm kommt vom Giudecca Kanal herauf, während ich mich noch zum Frührenaissance Kreuzgang der heiligen Kosmas und Damian begab, heute Sitzplatz von Ateliers von venezianischen Künstlern. Ich schaute zur Uhr, in dieser zauberhaften Atmosphäre des alten Klosters hatte ich nicht gemerkt, 1,5 Stunden waren vergangen…

Ich plante, am nächsten Vormittag noch den Junghans Komplex zu fotografieren. Darüber werde ich in meinem nächsten Post berichten.

Fiona Giusto
www.venicetours.it