Fiona Giusto
Artikel von Fiona Giusto

Die industrialisierte Giudecca Insel – Backsteine und Schornsteine

Nach meinem ersten entspannten Spaziergang (hier können Sie mehr dazu lesen), fuhr ich an einem frühen November Vormittag wieder auf gute Fotomotive hoffend zur Giudecca Insel.

Von der Anlegestation Palanca nahm ich Ziel auf den rechteckigen Innenhof der Seile, corte dei cordami, wo malerische Häuser aus dem späten 17. Jahrhundert mit 13 Schornsteinen meine Kamera erwarteten.

der malerische Innenhof der Seile auf der Giudecca Insel

Ich bog dann durch einen intimen Innenhof, mit Blumentöpfen voll geschmückt, zum ehemaligen Junghans Komplex ab. Hier wusste ich schon, ich würde viele geometrische Motive zum Fotografieren finden.

Junghans

Diese Uhrenherstellerfirma wurde 1861 im Schwarzwald in Schramberg von Erhard Junghans gegründet, nach einer nicht erfolgreichen Erfahrung bei der Leitung einer Mühle. 
In Venedig hatten die Brüder Herion ein paar Jahre später seine Vertretung übernommen und eine Uhrenfabrik auf Giudecca eröffnet, die bis 1971 in Betrieb war, Kriegsjahre ausgeschlossen.

Die Gesamtfläche betrug damals 5000 m2 auf 2 Etagen plus 2000 m2 als Lagerraum. In den 30er Jahren waren über 500 Arbeiter hier tätig, hauptsächlich Frauen aus Giudecca.

1995 hat die Stadt Venedig auf Einladung einen Wettbewerb ausgeschrieben, um diese ehemaligen Fabrikbauten zu Wohnungen zu erschwinglichen Preisen neu zu gestalten.
Der aus Mailand stammende Architekt Cino Zucchi wurde ausgesucht.

die erhaltene Fassade von einem Bau der ehemaligen Junghans Fabrik

Cino Zucchi

In einem Interview antwortete Zucchi auf die Frage, welches seiner Projekte er am liebsten habe. Er meinte, er sei unvoreingenommen; er versuche wie in Kafkas Erzählung Elf Söhne, jedes Projekt ohne festgelegte Ideen oder Vorurteile anzugehen. Oft schließe man jedoch die problematischeren Projekte ins Herz, in seinem Fall die Headquarters von Salewa in Bozen und das Gebäude D in Venedig.

Gebäude D im ehemaligen Junghans Komplex

Seine Bauten, die mit Buchstaben beziffert sind, stehen alle auf einer heterogenen Weise im Dialog mit Venedig. Kompositionsfreiheit ist bei jedem Bau angesagt, Maßstab und Vergleich ist immer jedoch die Architektur Venedigs und Venedig selbst.

Gebäude D

Der würfelförmige Bau, an der Ecke zwischen 2 Kanälen, hatte mir immer gut gefallen.

Die quadratischen Fenster widerspiegeln  mit ihrer Marmorumrandung von 50 cm die Umrandungen der venezianischen Fenster mit dem Istrien Stein. Die Rahmen sind flächenbündig und die Fenster haben keine Läden.

Die rechteckigen Fenster sind Fenster-Türen, die Umrandungen aus Stein variieren waagerecht nur unten oder oben und unten, aber nicht senkrecht zur Seite.  Die ein- oder zwei- oder drei- Flügelfenster haben Holzläden, aber sie werden nach innen zugeklappt, nicht nach außen wie im restlichen Venedig.

Auch der Innenhof bietet viele Fotomöglichkeiten an.

Der auf einem quadratischen Sockel stehende Schornstein ist das einzige Zeugnis der Vergangenheit. Wie Gino Valle hat auch Zucchi eine leichtere Architektur entworfen, die in Richtung Lagune abfällt. Auch seine restlichen Bauten in Richtung Lagune werden leichter, mit Arkaden im EG, schrägen Linien für die Überdachungen und Terrassen.

Zucchis rechteckiges B Gebäude

Jeder Bau im neuen Komplex hat seinen eigenen Stil, Luciano Parenti, Boris Podrecca, Giorgio Bellavitis und Bernard Huet fügten immer wieder venezianische Elemente in ihre Neubauten ein.

Blick auf die Brücke degli Scorzeri (Gerber)

Boris Podrecca

Der serbische Architekt Boris Podrecca zog nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aus Belgrad nach Triest, dann studierte er in Wien. Er arbeitete in sehr vielen Städten und durch seine Einrichtung der Ausstellung über Carlo Scarpa in der Gemälde Galerie der Accademia während der Biennale 1984 machte er sich einen guten Ruf.

Ende der 90er Jahre setzte sich Podrecca wieder mit Venedig auseinander, auf Giudecca mit 3 Bauten, entlang dem Canal Longo und in Richtung der südlichen Lagune. Das Zeilenhaus, das Eckhaus und das freistehende Palazzetto fügen sich gut in diesen Junghans Komplex ein.

Fassade aus Backstein, Keramik und Stein aus Istrien und Karst

Wieder einmal war eine weitere Stunde vergangen; ich ging zum Ufer zurück und von der langen Brücke reichte mein Blick auf den malerischen Kanal und auf die Silhouette der Südseite Venedigs.

Noch Zeit für ein letztes Foto.

malerischer Kanal auf der Giudecca Insel

Die Erlöserkirche ist wahrscheinlich das berühmteste Gebäude dieser Insel; als Gedenkkirche nach dem Ende einer Pestepidemie von Andrea Palladio geplant. Die klassische Fassade lädt zu einem inneren Besuch ein, aber es ist nun Zeit, nach Venedig hinüber zu setzen.

Wenn Sie noch mehr über diese Insel entdecken möchten, mache ich gerne mit Ihnen eine Führung dorthin.

Fiona Giusto
www.venicetours.it