Der Venezianische Spiegel

Nov 17, 2020Glas, Handwerk, Inseln, Kultur0 Kommentare

Auf der Insel, auf der ich geboren bin, Murano, hat sich die Glaskunst in seinen tausend Facetten weiter entwickelt als an jedem anderen Ort der Welt. Die Glasmeister hüten und überliefern auch heute noch eine antike Kunst und erschaffen unglaubliche Kunstwerke, während Spiegelmeister Spiegel jeglicher Art in allen denkbaren Stilen herstellen. Glasspiegel sind allerdings keine venezianische Erfindung, ebenso wie auch Glas an und für sich es nicht ist.

Murano

Venezianischer Spiegel

Moderner venezianischer Spiegel

Bereits in der Antike wurden Spiegel aus Glas hergestellt, indem ein Blatt Gold, Zinn oder öfter noch Blei auf eine Seite einer geblasenen Glasscheibe eingebracht wurde. Normalerweise bestanden Spiegel jedoch aus Metallscheiben, vor allem aus Bronze, aber auch aus Kupfer, Silber oder Gold, die so poliert wurden, dass man sich darin spiegeln konnte. Deren einziger Makel war, dass sie nicht gleichmäßig waren, oft wiesen sie Wölbungen auf und das Spiegelbild war daher verzerrt. Mit einem bisschen Selbstironie war es damals sicher lustig, sein Spiegelbild zu sehen.

In Venedig war es hingegen gelungen, vollkommen gleichmäßige und große Spiegel herzustellen, als Folge einiger wichtiger Innovationen, vor allem der Entdeckung des Kristallglases durch den Glasmeister Angelo Barovier, dem es um 1450 gelang, ein so klares, transparentes und farbloses Glas zu schaffen, dass es Bergkristall ähnelte.

Der definitive Durchbruch wurde ein Jahrhundert später erzielt, im Jahr 1540, als Vincenzo Redor ein Patent für ein Verfahren zum Walzen und Polieren von Glasscheiben angemeldet hat, mit welchem eine vollkommen ebene und gleichmäßige Oberfläche erzielt wurde.

Die Spiegel wurden aus einem geblasenen, durchsichtigen Glaszylinder hergestellt, der vor dem Abkühlen der Länge nach aufgeschnitten und ausgebreitet wurde und dessen Oberfläche dann gewalzt und poliert wurde.

Um die Oberfläche zum Spiegeln zu bringen, wurden Kupferblätter aufgetragen (ähnlich wie Alufolie heute) und diese in Quecksilber getaucht.

Schließlich wurde der Spiegel mit Diamantgravuren verziert, mit mehrfarbigen Glaselementen wie Schilfrohr, Blumen, Blättern und Schnörkeln, so dass Spiegel ein wichtiges Dekorationselement des Hauses wurden und der eigentliche Zweck des Spiegels in den Hintergrund rückte.

Venezianischer Spiegel

Heute hat sich die Technik geändert und verbessert und Spiegel sind das Ergebnis mehrerer Arbeitsschritte. Zuallererst wird das Modell in Echtgröße gezeichnet, um damit die Holzfassung herstellen zu können, die den Spiegel halten soll.

Der Meister Vincenzo zeichnet das Modell vom Spiegel in Echtgröße

Dann wird das Glas auf eine ebene Fläche gegossen und zwischen zwei Walzen gepresst. Die Scheiben werden in die gewünschte Form geschnitten, geschliffen, mit einer Stein- oder Diamantscheibe geglättet und Glassplitter entfernt, und schließlich mit einer Korkscheibe poliert.

Die Glasscheiben werden poliert

Die Glasscheiben werden poliert

Auf die so bearbeiteten Glasscheiben wird mit einem Stift die Dekoration aufgezeichnet, die dann per Hand mit einer Sandsteinscheibe oder einem Diamantfräser eingraviert wird.

Die Dekoration wird auf die Glasscheiben aufgezeichnet

Die Dekoration wird mit einem Diamantfräser eingraviert

Die Dekoration wird mit einem Diamantfräser eingraviert

Und das ist der Moment, an dem die Magie geschieht! Haben Sie sich jemals gefragt, wie eine transparente Glasscheibe zu einem Spiegel wird? Die Technik der Versilberung ist zur Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden. Der Name rührt von der Legierung aus Silbernitrat sowie Natrium und Ammoniak her, auch wenn sich die Anteile je nach Jahreszeit ändern und geheim sind. Die Glasscheibe verwandelt sich durch das Eintauchen in die Lösung wie durch Zauberhand in eine spiegelnde Oberfläche! Dieser Verwandlung beizuwohnen, ist wirklich unglaublich.

Die Versilberung

Die Versilberung

Die Versilberung

Am Ende werden die einzelnen Teile mit viel Geduld und mit äußerster Vorsicht, da das Glas sehr zerbrechlich ist, auf die Holzfassung montiert.

Die verschiedene einzelnen Teile werden auf die Holzfassung montiert.

Die verschiedene einzelnen Teile werden auf die Holzfassung montiert.

Ich hoffe, Sie neugierig gemacht zu haben und Ihnen bald einmal die Werkstatt meiner Freunde, die Spiegelproduzenten Barbini auf der Insel Murano, zeigen zu dürfen, und Sie noch ein Stückchen mehr Handwerkskunst in Venedig entdecken zu lassen.

Lucia Scarpa
BestVeniceGuides.it
www.luciascarpa.com